Zu grell, zu laut – ganz wunderbar

Was für ein Auftakt am Konstanzer Theater: Zur Spielzeiteröffnung bringt es, wie schon im vergangenen Jahr, einen russischen Klassiker. Und der Regie von Neil LaBute damals in «Onkel Wanja» steht jetzt «Der Meister und Margarita», inszeniert von Andrej Woron, in nichts nach.
Von  Veronika Fischer
Bilder: Ilja Mess

«Sie hatte widerliche Blumen von beängstigendem Gelb in der Hand. Weiss der Teufel, wie sie heissen, aber die sind die ersten, die man in Moskau bekommt. Sie bog in eine Gasse ein und drehte sich um … ich schwöre Ihnen, sie sah nur mich. Die Liebe sprang uns an, wie ein Mörder in einer dunklen Gasse sein Opfer anspringt, und traf uns beide. Sie pflegte übrigens später zu sagen, so sei es nicht gewesen, wir hätten einander schon seit langem geliebt, ohne uns zu kennen, ohne uns je gesehen zu haben.»

So beschreibt Michail Bulgakow in seinem Roman Der Meister und Margarita (1928) die erste Begegnung seiner beiden Protagonisten. Und so beginnt die Inszenierung am Konstanzer Stadttheater. Wie auch zu Beginn der vergangenen Spielzeit kleidet sich die Bühne im grossen Haus in liebliche, russische Birkenwäldchen. Auf einer Parkbank begegnen sich Margarita (Laura Lippmann) und der Schriftsteller Bulgakow (Sebastian Haase) und es beginnt eine Liebesgeschichte, die in erster Linie in der Begeisterung Margaritas für das Schaffen des Autors besteht. Sie nennt ihn «Meister» und zitiert seine Sätze auswendig und hingebungsvoll. Noch in der Nacht des Kennenlernens vollendet Bulgakow seinen Roman und präsentiert ihn der Öffentlichkeit.

Verschlungene Handlungsstränge

Die Kritiker überschlagen sich. Allerdings nicht vor Lob – im Gegenteil. Literaturkritiker Prof. Dr. Strawinski (Odo Jergitsch) zerreisst das Werk in der Luft: «eine intellektuelle wie sprachliche Armseligkeit ohne Oasen». Auch der Inhalt des Romans wird als störend empfunden. Es geht um die letzten Tage Jesus, der im Gespräch mit Pontius Pilatus um Erlösung bittet, die ihm letztendlich versagt bleibt. Auch dies wird auf der Bühne dargestellt, die Figuren Jesus und Pilatus werden lebendig, wodurch sich eine zweite Erzählebene ergibt, die sich mit der Geschichte von Meister und Margarita verwebt.

Dieser wird ein dritter Handlungsstrang eingeflochten, der die Moskauer Gesellschaft in den 1930 Jahren zeigt, speziell in der Begegnung des Lyrikers Besdomny (Thomas Fritz-Jung) mit dem schwarzen Magier Woland (Ralf Beckord). Hier öffnet sich die Tür zu einer Epoche der stalinistischen Gesellschaft zwischen Tanzveranstaltungen und Repressionen, zwischen Kunst und Psychiatrie.

Klingt verwirrend? Könnte es auch sein. Wäre nicht Dramaturg Thomas Regensburger die Meisterleitung gelungen, die Romanvorlage des «sozialistischen Faust» zu einer kompakten und stringenten Fassung umzuschreiben, die von Regisseur Andrej Woron passend zu den Handlungsebenen auf einer dreigeteilten Bühne interpretiert wird.

Weitere Aufführungen:
10./11./13./14./15./24./25./26./28. Oktober, jeweils 20 Uhr.

Woron kommt ursprünglich aus der Malerei und ist bekannt für seine philosophisch-künstlerischen, pornografisch-schrägen Bilder, die seine Inszenierungen zu einem Theatererlebnis der besonderen Art werden lassen (zuletzt in Konstanz: Amerika, Orpheus in der Unterwelt und Endspiel). In Der Meister und Margarita lässt Woron es aber zunächst langsam angehen. Gemächlich zieht sich seine Handschrift durch das Stück, wie das irre Kichern, das in regelmässigen Abständen ertönt. Gelegentlich strapaziert er die Sinne, wenn beispielsweise eine Strassenbahn ungebremst ins Publikum zu rasen scheint und man für einige Minuten dermassen vom Scheinwerferlicht geblendet wird, dass nur mehr weisse Lichtpunkte zu sehen sind. Oder wenn Trillerpfeifen zum Einsatz kommen, die in den Ohren dröhnen. Doch das geht vorerst wieder vorüber.

Infernalische Erotik

Spätestens nach der Pause wird die explosive Ladung zum Dauerzustand: Margarita sucht nach ihrem verschollenen Meister und schreckt dabei vor nichts zurück. Sie schliesst einen Pakt mit dem Teufel und verwandelt sich in eine Femme fatale, wie man sie selten zu Gesicht bekommt. Salma Hayek kann ihre Schlange einpacken, wenn Laura Lippmann in einem Hauch von rotem Nichts ihre geballte Erotik explodieren lässt. Ihr steht Jana Alexia Rödiger in nichts nach. Auch sie zeigt in diversen Rollen, wie sexy teuflisch sein kann, und bringt mit ihrem herrlichen Kichern ein Flair in das Stück, das bezaubert.

Apropos bezaubernd: Sebastian Haase mimt den Schriftsteller so einfühlsam und authentisch, dass er ab der ersten Szene zum Freund wird und man seine Verzweiflung über die Ablehnung seiner Literatur von ihm nehmen möchte, wie der Teufel sein Manuskript aus dem Feuer. Unweigerlich fragt man sich aufgrund dieser Darstellung, wie viele Meisterwerke der Literatur in den Aschefächern der Kamine ruhen und niemals ans Licht der Welt kamen.

Ebenso fragt man sich nach Verlassen des Theaters, wie Schuld und Vergebung zusammenhängen, welcher Dynamiken es bedarf, um sie zu vereinen, und warum es doch so oft nicht gelingen mag. Dies wird angestossen durch die Leistung von Sabrina Strehl, die ein hartes Los in dieser Inszenierung erfährt: Sie spielt den gekreuzigten Messias und die Kindsmörderin Frieda, beides metaphorische Figuren voller Schuld und Sühne.

In der zweiten Hälfte des Stückes bringt Woron einen Zug ins Rollen, der sich nicht mehr aufhalten lässt und im Kindsmörderinnenball mit den skurrilsten Gästen ein Spektakel sondersgleichen entfaltet. Hier bleibt die Zeit stehen, und als Zuschauer weiss man nicht, wie man es schaffen soll, all die Absurditäten, die sich gleichzeitig ereignen, zu erfassen.

Abermals gelingt dem Regisseur ein Kunstgriff, indem er diese Stimmung wieder einfängt und herunterbricht zu einem melancholischem Ende, dessen finale Botschaft sich in wundervoller Weise zu einem ironisierenden Schluss formiert. Der Meister und Margarita ist ein Theaterabend, der alle Erwartungen nicht nur erfüllt, sondern übertrifft mit einer Fülle wunderbarer Details, die in keine Kritik passen. Also hingehen, am besten gleich zweimal…