«Lassen wir uns nicht auseinander dividieren»

Aus dem Januarheft: Was hält man in den umliegenden Gemeinden von St.Gallens hohen Zentrumslasten? Warum schafft man in der Ostschweiz keinen fairen Lastenausgleich und hat der Stadt-Land-Graben wirklich etwas damit zu tun?

Beim privaten Verkehr fallen mit 16,7 Millionen Franken pro Jahr am meisten Zentrumslasten an. (Bilder: DOME) 

Stadt­prä­si­den­tin Ma­ria Pap­pa hat­te et­was Mü­he, die Fas­sung zu wah­ren in der TVO-Dis­kus­si­on am 24. Mai zum The­ma Zen­trums­las­ten. Die Stadt sol­le halt nicht im­mer al­les an sich sau­gen, zum Bei­spiel im Kul­tur­be­reich, sa­cker­te der Kan­tons­rat und städ­ti­sche SVP-Prä­si­dent Do­nat Kur­at­li. Pap­pa nann­te ihm dar­auf­hin di­ver­se Bei­spie­le, wo die Stadt an­de­re Ge­mein­den in der Re­gi­on ex­pli­zit un­ter­stützt, von Kul­tur­geld bis Ki­ta­kon­zept. 

Tags da­vor hat­te der Ge­samt­stadt­rat zur Pres­se­kon­fe­renz ge­la­den. Zu fünft stan­den sie vor den Me­di­en, was Sel­ten­heits­wert hat, und for­der­ten vom Kan­ton mehr Geld aus dem Fi­nanz­aus­gleich, um die klam­me Stadt­kas­se zu ent­las­ten. Die La­ge ist ernst, das struk­tu­rel­le De­fi­zit gross. Zwar er­hält die Stadt rund 34 Mil­lio­nen Fran­ken pro Jahr aus den kan­to­na­len Aus­gleichs­töp­fen, doch sie bleibt im­mer noch auf eben­so ho­hen Kos­ten ho­cken: Rund 36 Mil­lio­nen pro Jahr be­tra­gen die un­ge­deck­ten Zu­satz­las­ten der Stadt St.Gal­len. Dar­in ent­hal­ten sind un­ge­deck­te Zen­trums­las­ten von 12 Mil­lio­nen, un­ge­deck­te so­zio­de­mo­gra­fi­sche Son­der­las­ten von 14 Mil­lio­nen so­wie zu­sätz­li­che öV-Kos­ten von 10 Mil­lio­nen (mehr da­zu im In­fo­block un­ten).

Das sei zu viel, sagt die Stadt­re­gie­rung, die seit zehn Jah­ren ein Spar­pa­ket nach dem an­de­ren schnürt. De­ren Mass­nah­men tref­fen am En­de vor al­lem die Stadt­be­völ­ke­rung, die oh­ne­hin schon ei­ne ho­he Steu­er­last trägt. Die Stadt St.Gal­len hat die viert­höchs­ten Steu­ern im Kan­ton, wäh­rend rund­her­um ein paar ve­ri­ta­ble Tief­steu­er­oa­sen flo­rie­ren. So ist der Stadt-Land-Knatsch ab­seh­bar: Die Städ­ter:in­nen re­gen sich auf über die Leu­te im Speck­gür­tel, die von den An­nehm­lich­kei­ten der Stadt pro­fi­tie­ren. Die­se wie­der­um füh­len sich zu Un­recht als Schma­rot­zer:in­nen ab­ge­stem­pelt und fin­den, dass sich die Stadt zu sehr in ih­rer Op­fer­rol­le wälzt. Am Schluss ge­win­nen je­ne, die es schaf­fen, die­sen Gra­ben am bes­ten zu be­wirt­schaf­ten. 

Wie setzen sich die Zentrumslasten der Stadt St.Gallen zusammen?

To­tal Zen­trums­las­ten: 43,8 Mil­lio­nen 

Als Zen­trums­las­ten be­zeich­net man die Leis­tun­gen und Dienst­leis­tun­gen ei­ner Stadt, von de­nen auch Aus­wär­ti­ge pro­fi­tie­ren, oh­ne die­se voll ab­zu­gel­ten. Da­zu ge­hö­ren bei­spiels­wei­se Kul­tur- und Frei­zeit­an­ge­bo­te, der öV so­wie Si­cher­heits­auf­ga­ben. Die Stadt St.Gal­len trug 2021 Zen­trums­las­ten von knapp 44 Mil­lio­nen Fran­ken. Ab­züg­lich der Stand­ort­vor­tei­le und der Zen­trums­nut­zen ver­blei­ben ihr Net­to­zen­trums­las­ten von ins­ge­samt 28,4 Mil­lio­nen Fran­ken. Die Steu­er­zah­ler:in­nen der Stadt be­zah­len so­mit im Durch­schnitt 373 Fran­ken pro Jahr für Leis­tun­gen, die Aus­wär­ti­ge kon­su­mie­ren. 2017 wa­ren es noch 360 Fran­ken (Net­to­zen­trums­las­ten: 27 Mil­lio­nen). Die meis­ten Zen­trums­las­ten fal­len in den Be­rei­chen pri­va­ter Ver­kehr, Kul­tur so­wie Sport und Frei­zeit an. Über den Fi­nanz- und Las­ten­aus­gleich er­hält die Stadt St.Gal­len ak­tu­ell ei­nen jähr­li­chen Kan­tons­bei­trag von rund 16 Mil­lio­nen als ex­pli­zi­te Ab­gel­tung der Zen­trums­las­ten.

Pri­va­ter Ver­kehr:  16,7 Mil­lio­nen

Am meis­ten Zen­trums­las­ten fal­len mit 16,7 Mil­lio­nen Fran­ken bei der Stras­sen­nut­zung im pri­va­ten Ver­kehr an. Der Stadt er­wach­sen durch die Stras­sen­in­fra­struk­tur jähr­li­che Net­to­kos­ten von knapp 34 Mil­lio­nen Fran­ken. Ge­mäss Eco­plan wur­den die­se Kos­ten so­gar noch «kon­ser­va­tiv» er­rech­net, weil un­ter an­de­rem die Zins­kos­ten, die für das auf­ge­nom­me­ne Fremd­ka­pi­tal für den Stras­sen­bau an­fal­len, nicht mit­be­rech­net wur­den. Bund und Kan­ton be­tei­li­gen sich an den Net­to­kos­ten für die städ­ti­sche Stras­sen­in­fra­struk­tur mit knapp 1 Mil­li­on re­spek­ti­ve 1,5 Mil­lio­nen Fran­ken. Da die Aus­wär­ti­gen aber mit 52 Pro­zent die Mehr­heit der Stras­sen­nut­zen­den aus­ma­chen, ver­blei­ben der Stadt nach Ab­zug der Be­tei­li­gun­gen durch Kan­ton und Bund noch Zen­trums­las­ten von 16,7 Mil­lio­nen Fran­ken.

Kul­tur: 12,2 Mil­lio­nen 

Der Kul­tur­sek­tor macht ei­nen be­deu­ten­den Teil der Zen­trums­las­ten aus. Die Net­to­kos­ten der Stadt da­für be­lau­fen sich auf rund 40 Mil­lio­nen Fran­ken pro Jahr. Auf­grund der re­gen Nut­zung durch Aus­wär­ti­ge fal­len die Zen­trums­las­ten mit über 12 Mil­lio­nen re­la­tiv hoch aus. Die Ka­te­go­rie Thea­ter und Mu­sik (29 Mil­lio­nen) bil­det den gröss­ten Bud­get­pos­ten. Das Gros der Gel­der fliesst in die Ge­nos­sen­schaft Kon­zert und Thea­ter St.Gal­len. Die Kan­to­ne St.Gal­len (knapp 17 Mio.), Thur­gau (1,6 Mio.) und die bei­den Ap­pen­zell (ins­ge­samt 1,6 Mio.) be­tei­li­gen sich zwar dar­an, doch der Stadt St.Gal­len ver­bleibt nach Ab­zug die­ser Bei­trä­ge im­mer noch ei­ne Zen­trums­last von fast 7 Mil­lio­nen Fran­ken. Wei­te­re Bei­trä­ge in die­ser Ka­te­go­rie ge­hen ans Fi­gu­ren­thea­ter und die Kel­ler­büh­ne. Bei den Mu­se­en ge­hö­ren das Kunst­mu­se­um, das Kul­tur­mu­se­um und das Na­tur­mu­se­um zu den gröss­ten Pos­ten. Hier er­wach­sen der Stadt Zen­trums­las­ten von rund 4 Mil­lio­nen Fran­ken. Un­ter der Ka­te­go­rie Sons­ti­ge zu­sam­men­ge­fasst sind un­ter an­de­rem die Stifts­bi­blio­thek, das Ki­nok so­wie Pa­lace und Gra­ben­hal­le. 

Sport und Frei­zeit: 7,8 Mil­lio­nen 

Die Nut­zung der Sport­an­la­gen durch Aus­wär­ti­ge führt zu Zen­trums­las­ten von 4,3 Mil­lio­nen Fran­ken. Am stärks­ten zu Bu­che schlägt das Ath­le­tik­zen­trum mit 1,3 Mil­lio­nen, ge­folgt von der Sport­hal­le Kreuz­blei­che (795’000) und dem Grün­den­moos (753’000). Die von Aus­wär­ti­gen am meis­ten ge­nutz­te Ein­rich­tung aus der Ka­te­go­rie Frei- und Hal­len­bä­der, die ins­ge­samt Zen­trums­las­ten von 848’000 Fran­ken ge­ne­rie­ren, ist das Blu­men­wies mit 568’000 Fran­ken. Et­wa zwei Drit­tel sei­ner Be­su­cher:in­nen kom­men aus der Stadt. Im Be­reich Frei­zeit ge­ne­rie­ren vor al­lem die städ­ti­schen Grün­an­la­gen Zen­trums­las­ten (1,7 Mil­lio­nen), aber auch der Bo­ta­ni­sche Gar­ten, öf­fent­li­che WC-An­la­gen oder die Ju­gend­ar­beit er­hö­hen die Zen­trums­las­ten um knapp 1 Mil­li­on. Ge­samt­haft hat die Stadt im Sach­be­reich Sport und Frei­zeit Net­to­kos­ten von 19,3 Mil­lio­nen Fran­ken, wo­von 7,8 Mil­lio­nen Fran­ken Zen­trums­las­ten ver­blei­ben.

Öf­fent­li­che Si­cher­heit: 3,8 Mil­lio­nen

Von öf­fent­li­chen Si­cher­heits­leis­tun­gen der Stadt­po­li­zei pro­fi­tie­ren vor al­lem Zug­pend­ler:in­nen so­wie Ein­kaufs- und Frei­zeit­be­su­chen­de. Die Net­to­kos­ten der öf­fent­li­chen Si­cher­heit be­lau­fen sich auf rund 21 Mil­lio­nen, wo­von et­wa ein Drit­tel durch Bei­trä­ge vom Kan­ton ab­ge­gol­ten wird. Nach Ab­zug des re­la­tiv ho­hen Nut­zungs­an­teils der Stadt­be­völ­ke­rung ver­blei­ben Zen­trums­las­ten von 3,8 Mil­lio­nen. 

Raum­ord­nung und Um­welt: 2 Mil­lio­nen 

Ei­ne Zen­trums­leis­tung stellt auch die öf­fent­li­che Be­leuch­tung dar. Von die­ser pro­fi­tie­ren vor al­lem Pend­ler:in­nen so­wie Ein­kaufs- und Frei­zeit­be­su­chen­de. Die Net­to­kos­ten be­lau­fen sich auf 4 Mil­lio­nen Fran­ken. Ab­züg­lich der Ab­gel­tun­gen des Kan­tons und der in­ner­städ­ti­schen Nut­zung ver­bleibt ei­ne Zen­trums­last von knapp 2 Mil­lio­nen.

Bil­dung: 715’000 Fran­ken

Für Zen­trums­leis­tun­gen im Be­reich Bil­dung trägt die Stadt Net­to­kos­ten von rund 2 Mil­lio­nen Fran­ken. Da­zu zäh­len ins­be­son­de­re die Schul­be­le­gung durch Drit­te (z.B. Be­le­gung von Schul­zim­mern für Abend­ver­an­stal­tun­gen) und die Stadt­bi­blio­thek, wel­che mit 1,5 Mil­lio­nen den gröss­ten Pos­ten stellt. Nach Ab­zug der Ab­gel­tun­gen durch die üb­ri­gen Ge­mein­den und den Kan­ton St.Gal­len ver­bleibt der Stadt ei­ne Zen­trums­last von rund 715’000 Fran­ken.

Üb­ri­ge Zen­trums­las­ten: 537’000 Fran­ken

Un­ter die­se Ka­te­go­rie fällt im Grun­de ein­zig die aus­wär­ti­ge Nut­zung des Zi­vil­stan­des­am­tes in St.Gal­len, die in et­wa die Hälf­te aus­macht. Die städ­ti­schen Net­to­kos­ten hier­für be­lau­fen sich auf 1,2 Mil­lio­nen Fran­ken. Trotz Ab­gel­tun­gen der üb­ri­gen St.Gal­ler Ge­mein­den ver­bleibt der Stadt noch ei­ne Zen­trums­last von 537’000 Fran­ken.

So­zia­le Si­cher­heit:  150’000 Fran­ken

Ein gros­ser Teil des An­ge­bots im Be­reich so­zia­le Si­cher­heit wird von ex­ter­nen so­zia­len In­sti­tu­tio­nen ab­ge­deckt und ver­ur­sacht der Stadt nur in­so­fern Kos­ten, als dass die­se sich mit Sub­ven­tio­nen und Pro­jekt­bei­trä­gen dar­an be­tei­ligt. Die gröss­ten Net­to­kos­ten (733’000 Fran­ken) er­wach­sen der Stadt der­zeit bei der Fach­stel­le für auf­su­chen­de So­zi­al­ar­beit und wei­te­ren An­ge­bo­ten, die sich den The­men Sucht und Ar­mut wid­men. Ein sehr gros­ser Teil die­ses An­ge­bots wird zwar von Städ­ter:in­nen ge­nutzt. Den­noch fal­len bei die­sen zwei In­sti­tu­tio­nen un­ter dem Strich Zen­trums­las­ten von rund 150’000 Fran­ken an.

Quel­le: Eco­plan-Stu­die Zen­trums­las­ten der Stadt St.Gal­len, ak­tua­li­sier­te Ver­si­on 2021, er­schie­nen am 26. April 2023, in Auf­trag ge­ge­ben von der Stadt St.Gal­len, zu­sam­men­ge­stellt von co und hrt.

Die Zentrumslasten für den Kultursektor fallen mit über 12 Millionen relativ hoch aus. 

Im Bereich Sport und Freizeit verbeliben rund 7,8 Millionen Franken Zentrumslasten.

Der Son­der­fall Ost­schweiz

Ver­sucht man bei den um­lie­gen­den Ge­mein­den den Puls zu füh­len, hält sich die Freu­de eher in Gren­zen. Das The­ma scheint un­an­ge­nehm zu sein. Da­bei wird schon über die Ver­tei­lung von Zen­trums­las­ten dis­ku­tiert, seit es mo­der­ne Bal­lungs­räu­me gibt. Städ­te ha­ben längst kei­ne kla­ren Gren­zen mehr, und mit der zu­neh­men­den Mo­bi­li­tät und der Tren­nung von Woh­nen und Ar­bei­ten seit den Nach­kriegs­jah­ren sind sie zu ur­ba­nen Ag­glo­me­ra­ti­ons­räu­men ver­wach­sen. 

Der Bund zählt heu­te lan­des­weit 49 so­ge­nann­te Ag­glo­me­ra­tio­nen. Die­se exis­tie­ren auch kan­tons- oder so­gar grenz­über­grei­fend. Städ­te wie St.Gal­len be­zeich­net man als Ag­glo­me­ra­ti­ons­kern­ge­mein­de. Die Ge­mein­den rund­her­um pro­fi­tie­ren von de­ren Zen­trums­leis­tun­gen. Das gilt aber nicht nur für die Haupt­stadt, son­dern auch für klei­ne­re Ge­mein­den. Im Kan­ton St.Gal­len er­fül­len bei­spiels­wei­se auch Ror­schach, Wil, St.Mar­grethen, Gos­sau, Alt­stät­ten oder Sar­gans ge­wis­se Zen­trums­funk­tio­nen. Und na­tür­lich Rap­pers­wil-Jo­na, wo­bei hier der Las­ten­aus­gleich kei­ne all­zu gros­se Rol­le spielt, da Rap­pers­wil-Jo­na zu den reichs­ten Ge­mein­den im Kan­ton ge­hört. 

Die Ost­schweiz ist, was die Las­ten­ver­tei­lung an­geht, ein Son­der­fall. 24 der 26 Schwei­zer Kan­to­ne ken­nen ei­nen ho­ri­zon­ta­len Fi­nanz­aus­gleich. Das Geld wan­dert von rei­che­ren zu är­me­ren Ge­mein­den, be­wegt sich al­so auf der­sel­ben po­li­ti­schen Ebe­ne. Nicht so in St.Gal­len und Aus­ser­rho­den. Hier gibt es nur den ver­ti­ka­len Aus­gleich, bei dem der Kan­ton ein­springt, aber nicht die Ge­mein­den un­ter­ein­an­der. Ent­spre­chend alt ist die For­de­rung nach ei­nem ho­ri­zon­ta­len Fi­nanz­aus­gleich, der in den Au­gen der zu­meist lin­ken Be­für­wor­ter:in­nen auch den Steu­er­wett­be­werb et­was zü­geln wür­de. 

Der ak­tu­el­le Wirk­sam­keits­be­richt zum in­ner­kan­to­na­len Fi­nanz­aus­gleich in St.Gal­len, er­schie­nen im ver­gan­ge­nen Au­gust, prüft ver­schie­de­ne Va­ri­an­ten ei­nes ho­ri­zon­ta­len Res­sour­cen­aus­gleichs. Er hält fest, dass ein sol­cher «von den An­rei­zen her be­trach­tet» bes­ser wä­re als der ver­ti­ka­le Sta­tus quo, dass er aber auch «ne­ga­ti­ve Kon­se­quen­zen für die Stand­ort­at­trak­ti­vi­tät» mit sich brin­gen wür­de. Über­setzt: Tief­steu­er­ge­mein­den wä­ren we­ni­ger at­trak­tiv. Die Re­gie­rung sprach sich ge­gen die Ein­füh­rung ei­nes ho­ri­zon­ta­len Aus­gleichs aus, die vor­be­ra­ten­de Kom­mis­si­on folg­te die­ser Emp­feh­lung und letzt­lich auch der Rat. Ei­ni­ger­mas­sen hit­zig über die Ein­füh­rung ei­nes ho­ri­zon­ta­len Aus­gleichs dis­ku­tiert wur­de im Kan­tons­rat auch 2020. Der SP-An­trag wur­de deut­lich ab­ge­lehnt. Un­ter an­de­rem auch dank der Stim­me des da­mals noch am­tie­ren­den St.Gal­ler Stadt­prä­si­den­ten Tho­mas Scheit­lin. 

To­ne Po­li­cing aus der Nach­bar­schaft

Heu­te jam­mern al­le Stadt­rats­mit­glie­der uni­so­no über die Zen­trums­las­ten. Wie kommt die­ses Kla­ge­lied in Mör­schwil, Gai­ser­wald oder Teu­fen an? Hat man in die­sen be­lieb­ten Nach­bar­ge­mein­den Ver­ständ­nis für die Si­tua­ti­on der Stadt? Wä­re man of­fen für ei­nen fai­ren Aus­gleich? Und fin­det man es gut, dass der Kan­tons­rat kürz­lich be­schlos­sen hat, in den nächs­ten vier Jah­ren zu­sätz­lich 3,7 Mil­lio­nen pro Jahr an die städ­ti­schen Zen­trums­las­ten zu zah­len? 

Mar­ti­na Wä­ger (Die Mit­te), seit 2021 Ge­mein­de­prä­si­den­tin in Mör­schwil, wo man et­wa halb so viel Steu­ern zahlt wie in der Stadt St.Gal­len, kann den Ent­scheid des Kan­tons­rats nach­voll­zie­hen. Sie wünscht sich aber, «dass sich die Stadt wie­der mehr auf ih­re Stär­ken kon­zen­triert und sich we­ni­ger über die Zen­trums­las­ten be­klagt und in die Op­fer­rol­le be­gibt». Das pro­vo­zie­re ei­ne Ab­wehr­hal­tung und scha­de dem Image der Stadt. 

«Die Stadt wird nicht dar­um her­um­kom­men, wirk­sa­me Spar­mass­nah­men ein­zu­lei­ten, auch wenn das un­po­pu­lär ist. Dies wür­de die Ak­zep­tanz des zu­sätz­li­chen Zen­trums­las­ten­aus­gleichs er­hö­hen», sagt Wä­ger. Der st.gal­li­sche Weg mit dem ver­ti­ka­len Mo­dell hat sich in ih­ren Au­gen be­währt. Für die At­trak­ti­vi­tät des Kan­tons sei es wich­tig, dass es im Kan­ton auch steu­er­lich -at­trak­ti­ve Ge­mein­den ge­be. «Ein ge­wis­ser Wett­be­werb scheint mir sinn­voll und rich­tig.»

Ähn­lich tönt es in Gai­ser­wald. Ein ho­ri­zon­ta­ler Aus­gleich ste­he mo­men­tan nicht zur De­bat­te, sagt der lang­jäh­ri­ge Ge­mein­de­prä­si­dent und Kan­tons­rat Bo­ris Tschir­ky (Die Mit­te). Sei­ne Frak­ti­on hat sich -An­fang De­zem­ber im Kan­tons­rat für die 3,7 Mil­lio­nen-Fi­nanz­sprit­ze aus­ge­spro­chen. Das sei «ein -ad­äqua­ter Kom­pro­miss». Ob die­ser dann wirk­lich zu­stan­de kommt, zeigt sich al­ler­dings erst nächs­tes Jahr. Al­le Frak­tio­nen stimm­ten da­für, aus­ser die SVP. Sie hat das Rats­re­fe­ren­dum er­grif­fen. Nun ent­schei­den die Stimm­be­rech­tig­ten im Kan­ton, ob die Stadt St.Gal­len den Zu­stupf er­hält. 

«Ob das für die po­li­ti­sche Kul­tur und De­bat­te hilf­reich ist, steht auf ei­nem an­de­ren Blatt», sagt Tschir­ky. Er kri­ti­siert die von bei­den Sei­ten «po­le­misch ge­führ­te De­bat­te» und wünscht sich mehr Sach­lich­keit. Der Be­griff «Speck­gür­tel» bei­spiels­wei­se ist ihm zu pau­schal. Auch das stän­di­ge ge­gen­ein­an­der Auf­rech­nen von ein­zel­nen Leis­tun­gen sei we­nig ziel­füh­rend. Der Schlüs­sel sei die Zu­sam­men­ar­beit zwi­schen den be­tei­lig­ten Ge­mein­den und Ak­teu­ren. «Man muss be­reits in der Pro­jekt­pha­se auf­ein­an­der zu­ge­hen und nicht erst dann, wenn die Kos­ten er­wach­sen. Und so­bald ein Pro­jekt Nut­zen stif­tet für meh­re­re Ge­mein­den, fin­det man auch fi­nan­zi­el­le Lö­sun­gen», ist Tschir­ky über­zeugt. 

Und in Teu­fen? Be­dankt man sich für die An­fra­ge, hält sich aber vor­nehm zu­rück mit Mei­nun­gen. «Mit der Stadt St.Gal­len dür­fen wir in ver­schie­de­nen Be­rei­chen ge­gen­sei­tig sehr gut und eng zu­sam­men­ar­bei­ten», lässt Ge­mein­de­prä­si­dent Re­to Alt­herr (FDP) wis­sen. Das be­tref­fe so­wohl die po­li­ti­sche wie auch die Ver­wal­tungs­ebe­ne. Man wis­se dies sehr zu schät­zen. Zur Fra­ge­stel­lung der Zen­trums­las­ten wol­le man als «Aus­ser­kan­to­na­le» je­doch kei­ne Stel­lung neh­men. Auf Nach­ha­ken gab es kei­ne wei­te­re Re­ak­ti­on. 

Die po­li­ti­sche Macht der Ge­mein­de­prä­si­dent:in­nen

Geht uns nichts an – mit die­ser Hal­tung macht man sich nicht ge­ra­de Freun­de. Oder löst sich vom Image der ei­gen­bröt­le­ri­schen Steu­er­vor­teils­ge­mein­de. Ei­ne ver­pass­te Chan­ce, wür­de je­de PR-Be­ra­te­rin sa­gen, zu­mal Teu­fen so ziem­lich im Kern der «sof­tur­ba­nen Ost­schweiz» liegt, wo es rund­her­um summt und brummt und sich al­le ganz lieb­ha­ben. So will es zu­min­dest die Zu­kunfts­agen­da der Ost­schwei­zer Han­dels­kam­mern St.Gal­len und Thur­gau. Dar­in funk­tio­niert die «Kern­re­gi­on Ost­schweiz» mit ih­ren «sof­tur­ba­nen Teil­re­gio­nen» ganz «viel­fäl­tig und ver­bun­den», «ge­mein­sam und re­spekt­voll», «kon­kret und lö­sungs­ori­en­tiert». 

Das mag für Un­ter­neh­mer:in­nen schön klin­gen, aber in der Fi­nanz­po­li­tik gel­ten die­se Leit­sät­ze of­fen­sicht­lich nicht. Wett­be­werb geht vor So­li­da­ri­tät und Ge­mein­sinn. Vor al­lem in der «Kern­re­gi­on Ost­schweiz». War­um hat es der fai­re Las­ten­aus­gleich hier so schwer? 

An­ruf bei Ge­mein­de­for­scher Li­neo De­vec­chi von der Fach­hoch­schu­le Ost. Ei­ner der Grün­de – nebst der po­li­tisch kon­ser­va­ti­ven Prä­gung der Re­gi­on – sei die ho­he Ge­mein­de­au­to­no­mie in der Ost­schweiz, er­klärt der Po­li­tik­wis­sen­schaft­ler. Sie ha­be gros­ses Ge­wicht, was sich un­ter an­de­rem dar­an zei­ge, dass es in den Ost­schwei­zer Kan­to­nen viel mehr Voll­zeit­ge­mein­de­prä­si­dent:in­nen ge­be als in an­de­ren Kan­to­nen, selbst in klei­nen Ge­mein­den mit nur we­ni­gen tau­send Ein­woh­ner:in­nen. Und vie­le da­von sit­zen auch in den Par­la­men­ten. «Im St.Gal­ler Kan­tons­rat zum Bei­spiel ist die Frak­ti­on der Ge­mein­de­prä­si­dent:in­nen ei­ne der gröss­ten. Sie sind ei­ne po­li­ti­sche Macht, und ein stär­ke­rer Las­ten­aus­gleich ist nicht in ih­rem In­ter­es­se.»

So­lan­ge die Stadt wei­ter brav für ih­re Zen­trums­leis­tun­gen zah­le, wer­de sich dar­an nicht viel än­dern, sagt De­vec­chi. «Er­fah­rungs­ge­mäss braucht es ei­nen ge­wis­sen Pro­blem­druck, da­mit sich die Be­trof­fe­nen zu­sam­men­tun. Erst wenn ei­ne Dienst­leis­tung wie zum Bei­spiel die Mu­se­en nicht mehr in ge­wohn­tem Um­fang an­ge­bo­ten wird, spannt man zu­sam­men.» Da­für gibt es ver­schie­de­ne We­ge. Laut De­vec­chi do­mi­niert der­zeit das Kon­zept des New Re­gio­na­lism, wenn es um Me­tro­po­li­tan Gour­ver­nan­ce geht, al­so um die in­sti­tu­tio­nel­le Zu­sam­men­ar­beit in Stadt­re­gio­nen: Man bil­det kom­mu­nen- und wenn nö­tig auch kan­tons­über­grei­fend prag­ma­ti­sche Zweck­ver­bun­de aus staat­li­chen, pri­va­ten und/oder wirt­schaft­li­chen Ak­teu­ren, die sich ge­mein­sam ei­ner Auf­ga­be an­neh­men. Bei­spie­le da­für sind der Ver­kehrs­ver­bund Ost­wind oder die Ge­nos­sen­schaft Kon­zert und Thea­ter St.Gal­len (KTSG). 

Der lu­kra­ti­ve Stadt-Land-Gra­ben

Letz­te­re mag ein Leucht­turm sein, steht aber auch wie kaum ein an­de­res Pro­jekt für die Be­wirt­schaf­tung des Stadt-Land-Gra­bens in der Ost­schweiz. 2018, als über die Sa­nie­rung des Gros­sen Hau­ses ab­ge­stimmt wur­de, war ei­ni­ges an Über­zeu­gungs­ar­beit im Kan­ton nö­tig. Zu­min­dest ge­fühlt, denn dank gros­sem Ef­fort von rechts wur­de stän­dig dar­über dis­ku­tiert, ob das «Stadt­thea­ter» wirk­lich auf Kos­ten des gan­zen Kan­tons sa­niert wer­den müs­se. Am Schluss war das Ver­dikt der Stimm­be­rech­tig­ten im Kan­ton über­ra­schend deut­lich: 62,5 Pro­zent sag­ten Ja zu Sa­nie­rung. Das nächs­te Pro­jekt, dem ähn­li­che oder wo­mög­lich noch üb­le­re Dis­kus­sio­nen blü­hen, ist be­reits in der Pipe­line: die Zen­trums­bi­blio­thek. 

Wird es ihr gleich er­ge­hen wie dem Thea­ter? Ist der Stadt-Land-Gra­ben wo­mög­lich gar nicht so tief wie be­fürch­tet? «Jein», sagt De­vec­chi. Er sei in der Ost­schweiz schon spür­ba­rer als in an­de­ren Re­gio­nen. Man sei hier schnell in sehr länd­li­chen Ge­gen­den. Die­ser «ge­fühl­te Gra­ben» füh­re dar­um durch­aus da­zu, dass man we­ni­ger so­li­da­risch sei. «Trotz­dem ist er völ­lig über­be­wer­tet, ge­ra­de in Be­zug auf un­se­ren heu­ti­gen Le­bens­stil. Stadt- und Land­be­völ­ke­rung sind sich dies­be­züg­lich viel ähn­li­cher als vie­le mei­nen.» 

Den­noch hat sich die Be­wirt­schaf­tung des Stadt-Land-Gra­bens für rechts als klu­ger Schach­zug her­aus­ge­stellt. Dar­aus lässt sich po­li­ti­sches Ka­pi­tal schla­gen. Nichts an­de­res ver­sucht sie SVP mit der er­zwun­ge­nen Volks­ab­stim­mung über die tem­po­rä­re Er­hö­hung des Las­ten­aus­gleichs für die Stadt St.Gal­len. Die Mehr­heit des Kan­tons­rats hät­te die zu­sätz­li­chen 3,7 Mil­lio­nen pro Jahr be­für­wor­tet an der Ses­si­on An­fang De­zem­ber, doch «dank» des Rats­re­fe­ren­dums der SVP wer­den bald auch die Men­schen in Bal­gach, Bad Ra­gaz oder Ben­ken dar­über dis­ku­tie­ren, ob die Stadt St.Gal­len bzw. de­ren rund 45’000 Steu­er­zah­ler:in­nen die un­ge­deck­ten Kos­ten von 36 Mil­lio­nen pro Jahr wei­ter al­lein tra­gen sol­len. Dar­über zu dis­ku­tie­ren, ist na­tür­lich wich­tig und rich­tig. Die Fra­ge ist, in wel­chem Ton und mit wel­cher Ab­sicht das ge­schieht. 

Teil­wei­se wird «mit pau­scha­len Vor­wür­fen auf die Haupt­stadt ge­schos­sen», kri­ti­sier­te Ma­ria Pap­pa in der Sep­tem­ber­ses­si­on, als der Kan­ton­rat über den Wirk­sam­keits­be­richt zum Fi­nanz­aus­gleich dis­ku­tier­te. Die Stadt­prä­si­den­tin ap­pel­lier­te an den Zu­sam­men­halt: «Las­sen wir uns da­von nicht aus­ein­an­der­di­vi­die­ren. Wenn wir un­se­ren Kan­ton wei­ter­brin­gen wol­len, dann kön­nen wir dies nur ge­mein­sam tun. Die Städ­te sind nur im Ver­band mit ih­ren Ag­glo­me­ra­tio­nen kon­kur­renz­fä­hig, so, wie die Ag­glo­me­ra­ti­ons­ge­mein­den und länd­li­chen Ge­mein­den viel bes­ser be­stehen kön­nen, wenn sie von ei­ner Zen­trums­nä­he pro­fi­tie­ren.»