Zeit des Winkens
Seit Corona die Regentschaft über unseren Alltag übernommen hat, gehöre ich als Pensionierte der Balkon- und Spazierwegfraktion an. Am Leben in unserem Quartier, unserer Strasse nehme ich nurmehr aus der Vogelwarte teil, und meine Spaziergänge führen mich nicht ins Herz der Stadt oder zum Bahnhof, sondern hinaus und hinauf in die Peripherie, in die Wälder, an die Wiesenböschungen. Es ist, als hätte mich die Zentrifugalkraft des aktuellen Geschehens in eine – durchaus interessante und privilegierte – Randlage gedrängt.
Von meiner peripheren Warte aus beobachte ich die neuen Umgangsformen zwischen uns Individuen. Nachdem wir – zumindest quantitativ – auf einem hohen Niveau der verbalen Kommunikation angekommen sind, besinnen wir uns aktuell wieder mehr des Zeichenhaften: Wir winken von Balkon zu Balkon, wir rufen uns Wünsche zu, wir schenken uns 2-Meter-Abstandslächel-Einheiten, wir gestikulieren über Gartenzäune hinweg, wir legen uns Muffins in die Briefkästen, wir applaudieren öffentlich für besondere Leistungen, wir stellen Kerzen ans Fenster. Gemeinsam mit meiner einjährigen Enkelin habe ich in den vergangenen zwei Wochen die wundersamen Möglichkeiten, die Spielarten, die Wirkungen des Winkens entdeckt.
Das Winken verbreitet sich in noch rasanterem Tempo als das Virus – und das will etwas heissen. Es scheint sich aus dem Schutt der abgelegten zivilisatorischen Verhaltensweisen wieder freigeschaufelt zu haben. Es ersetzt weitgehend die Rituale der verbalen Begrüssung, der Umarmung und der Küsschen-Küsschen-Stereotypie. Es ist leise, sicher und charmant. Es verletzt nicht, bedroht nicht, behauptet nicht. Es kommt daher als Vorschlag und als Frage: Ich sehe dich – siehst du mich auch?
Zu Anfang unseres jetzigen sozialen Ausnahmezustandes litt ich darunter, meine uralten Eltern und meine Enkelkinder nicht mehr sehen und betreuen zu können. Es war ein echter Verlust, ein schmerzhafter Verzicht, nicht aus dem Herzen, sondern aus der Vernunft geboren. Ich rief mir aber in Erinnerung, dass Menschen, die sich gernhaben, schon immer Trennungen unterworfen gewesen sind. Familienangehörige waren vielleicht nach Übersee ausgewandert und nie mehr zurückgekehrt. Söhne waren in den Krieg gezogen, Töchter hatten sich ins Welschland verheiratet, Kinder mussten nach Davos in die Quarantäne. Die Kommunikationswege waren noch sehr spärlich gewesen, ab und zu ein Brief vielleicht, wenn es hochkam. Die Verbindung zu den Liebsten musste innerlich aufrechterhalten werden: In der Erinnerung, in der Vorstellung, in der Gewissheit der Qualität der Beziehung, ihrer Robustheit und vielleicht auch ihrer Notwendigkeit fürs schlichte Überleben.
Mir will scheinen, die gegenwärtige soziale Quarantäne könnte auch der Überprüfung dienen, inwiefern wir unseren Beziehungen tatsächlich trauen oder ob wir uns einer Zuneigung, einer Freundschaft unablässig vergewissern müssen: über den Ton, über das Bild. Ob es die Flut an digitalen Botschaften, die aktuellen Aufrufe zu Videokonferenzen, ob es all diese zahllosen Schnappschüsse, Kurzvideos, Comix, Posts, Skypes und Streamings wirklich braucht, um uns einer Nähe, einer Zugehörigkeit rückzuversichern. Wäre es denkbar, dass statt der unablässigen Bebilderung ein – partiell blindes – Vertrauen in die Kraft der Solidarität wachsen könnte, ein Vertrauen in die Tragfähigkeit von Beziehungen, in die wachsende Resilienz von sehr vielen Menschen in Zeiten der Not, in den Goodwill, der unseren Begegnungen innewohnt und durch ein schlichtes Winken ein sichtbares und herzerfrischendes Zeichen setzt, über manchen Abstand hinweg.
Christine Fischer, 1952, lebt in St.Gallen. Sie publizierte unter anderem die Romane Solo für vier Stimmen, Vögel, die mit Wolken reisen, Nachruf für eine Insel und die Erzählung Els (alle im Appenzeller Verlag). Zuletzt erschien 2019 im Orte-Verlag Im Mai. Am Montag, eine Sammlung von Kurztexten.