Wo beginnt Frieden?

Videostill Arance Amare, Davide Tisato, 2023 (Bild: pd)

Im Museum Henry Dunant in Heiden wird der Gründer des Roten Kreuzes gewürdigt – auch kritisch. Zuvorderst aber geht es dem Leitungsduo um das Hier und Heute und die Frage, wie Frieden gelingen könnte.

Ne­ben der Ein­gangs­tür hängt noch die al­te Ge­denk­ta­fel an Hen­ry Dun­ant, der in die­sem Haus «in stil­ler Zu­rück­ge­zo­gen­heit» die letz­ten 18 Le­bens­jah­re ver­bracht hat­te, dar­un­ter der Vers: «Ob sei­ne Asche längst ver­weht, was Lie­be schuf, lebt und be­steht.» Dun­ant, der Wohl­tä­ter der Mensch­heit, Grün­der des Ro­ten Kreu­zes, un­er­müd­li­cher Rei­sen­der in Sa­chen Hu­ma­ni­tät, 1901 Trä­ger des ers­ten Frie­dens­no­bel­prei­ses: Er wird im um­fas­send neu kon­zi­pier­ten Mu­se­um zwar auch ge­wür­digt. Aber nicht zum Hel­den hoch­sti­li­siert. «Es ste­hen ge­nug Män­ner auf dem So­ckel», sagt Co-Lei­te­rin Na­di­ne Schnei­der tro­cken. Ih­re Kol­le­gin Ka­ba Röss­ler er­gänzt: Im Dun­ant-Mu­se­um sol­len die Wer­te im Zen­trum ste­hen, für die er ein­ge­stan­den ist – Hu­ma­ni­tät, Mensch­lich­keit, Völ­ker­recht.

«Fri­du» und Kon­flik­te im Ge­gen­warts­flü­gel

Dass es um die­se Wer­te nicht zum Bes­ten steht, schla­gen ei­nem ge­ra­de die Schlag­zei­len täg­lich um die Oh­ren. Das Dun­ant-Mu­se­um sieht sich mit­ten­drin – und hat drum die Hälf­te sei­ner Räu­me zum «Ge­gen­warts­flü­gel» ge­macht. Hier sind in ei­nem Raum ei­ne Rei­he von Kurz­fil­men zu se­hen, raum­fül­lend prä­sen­tiert auf drei Bild­schir­men. Das Pro­gramm ist mit dem Fil­me­ma­cher Da­vi­de Tisa­to ent­wi­ckelt wor­den, der in Hei­den, in der Nä­he des Mu­se­ums, auf­ge­wach­sen ist. In zwei Bei­trä­gen kom­men Schü­ler:in­nen ei­ner Pri­mar- und ei­ner Sek­klas­se zu Wort. Sie dis­ku­tie­ren und ex­pe­ri­men­tie­ren, wie ei­ne ge­rech­te­re Welt aus­se­hen oder wie All­tags­kon­flik­te fried­lich aus­ge­tra­gen wer­den könn­ten. Zum an­dern in­for­mie­ren Dok­fil­me über ak­tu­el­le Kriegs­ge­bie­te und so­zia­le Brenn­punk­te: Sul­ta­na zeigt den Kampf von Frau­en für Men­schen­rech­te in der be­setz­ten West­sa­ha­ra, Alarm­pho­ne do­ku­men­tiert die See­not­ret­tung von Ge­flüch­te­ten im Mit­tel­meer, und Tisa­tos ei­ge­ner Film Arance Ama­re por­trä­tiert Ern­te­ar­bei­ter in Süd­ita­li­en.

Im Vor­raum fragt die Künst­le­rin Sa­rah Hu­gent­o­bler in ei­ner stil­len und hu­mor­vol­len Vi­deo­ar­beit ih­re Ge­sprächs­part­ner:in­nen, was «Fri­du» für sie be­deu­te. Das­sel­be kann man sich sel­ber fra­gen, im Ge­spräch am Tisch oder auf ei­ner Post­kar­te: «Wo be­ginnt Frie­den?» Die Ant­wort wirft man in den Ori­gi­nal-Brief­kas­ten des Dun­ant-Mit­strei­ters Ru­dolf Mül­ler ein. Das Pu­bli­kum nut­ze die Brief­post in­ten­siv, vie­le blie­ben meh­re­re Stun­den in der Aus­stel­lung. Oder – für die Mu­se­ums­lei­te­rin­nen ei­ne be­son­de­re Be­stä­ti­gung ih­rer Ar­beit – sie wol­len wis­sen: «Wo kann ich mich sel­ber en­ga­gie­ren?»

Von Sol­fe­ri­no bis Ga­za

Da­mit, mit dem ei­ge­nen Be­trof­fen­sein, hat es auch bei Hen­ry Dun­ant an­ge­fan­gen. Sol­fe­ri­no 1859: Zu­fäl­lig, weil er Kai­ser Na­po­le­on III. nach­reist, um von ihm Un­ter­stüt­zung für sei­ne sto­cken­den Pro­jek­te in Al­ge­ri­en zu er­hal­ten, ge­rät Dun­ant in Nord­ita­li­en in das Kriegs­ge­met­zel zwi­schen fran­zö­si­schen und ös­ter­rei­chi­schen Trup­pen, sieht die Ver­letz­ten und die Ohn­macht der Hel­fer:in­nen, packt an. Und pu­bli­ziert drei Jah­re spä­ter sei­ne Er­in­ne­rung an Sol­fe­ri­no, qua­si die Grün­dungs­ur­kun­de des Ro­ten Kreu­zes.

Mit die­sem Schlüs­sel­er­leb­nis setzt, im an­de­ren Mu­se­ums­flü­gel, der his­to­ri­sche Teil ein. Spar­sam plat­zier­te Ori­gi­nal­ob­jek­te er­zäh­len ih­re Ge­schich­te: Dun­ants Spa­zier­stock, ein Hy­gie­ne­kit für die Ukrai­ne, das zer­schos­se­ne Blech­teil ei­nes IKRK-Fahr­zeugs oder ei­nes der von Dun­ant skiz­zier­ten heils­ge­schicht­li­chen Dia­gram­me. Fo­tos und Tex­te lie­fern In­for­ma­tio­nen, Au­dio­da­tei­en ver­tie­fen die vie­len, oft ge­schei­ter­ten Pro­jek­te, die Dun­ant um­ge­trie­ben ha­ben. 

Die Ge­gen­wart ist da­bei im­mer dra­ma­tisch nah. Wie im Ka­pi­tel Al­tes Tes­ta­ment und neue Ko­lo­nien: Zu­sam­men mit Temp­lern aus Deutsch­land plant Dun­ant in den 1880er-Jah­ren die Er­schlies­sung und Be­sied­lung Pa­läs­ti­nas. Das «Hei­li­ge Land» soll für Chris­ten und Ju­den zu­rück­er­obert wer­den. «Da­bei ver­mi­schen sich ko­lo­nia­les Ge­schäfts­in­ter­es­se, re­li­giö­se Über­zeu­gung und zi­vi­li­sa­to­ri­sches Sen­dungs­be­wusst­sein», heisst es im Be­gleit­text. Der Plan schei­tert – so wie noch 150 Jah­re spä­ter ei­ne Lö­sung für den Kon­flikt in wei­ter Fer­ne ist. Den Bo­gen zwi­schen da­mals und heu­te, zwi­schen Zio­nis­mus, Im­pe­ria­lis­mus und evan­ge­li­ka­ler Heil­suto­pie schlägt ein Au­dio­kom­men­tar der Zür­cher His­to­ri­ke­rin Shel­ley Ber­lo­witz.

Ne­ben Dun­ant kom­men auch Zeit­ge­noss:in­nen zu Wort und gross ins Bild, ge­spielt von Schau­spie­ler:in­nen: Ber­tha von Sutt­ner, Ru­dolf Mül­ler, Ge­org Baum­ber­ger oder der Heid­ler Bä­ckers­jun­ge Hans Schaf­fert. Und den Schluss des in vier Räu­men the­ma­tisch ge­glie­der­ten his­to­ri­schen Teils macht die Schrift, die Hen­ry Dun­ant im ho­hen Al­ter hier im Haus, zwei Stock­wer­ke wei­ter oben ver­fass­te: L’ave­nir san­glant – die blu­ti­ge Zu­kunft. 

Wie hält man es aus als «Hü­te­rin» des Dun­ant’schen Er­bes, heu­te, in ei­nem Mo­ment, der «san­glant» ist wie lan­ge nicht mehr? Und der ei­nem den letz­ten Glau­ben rau­ben könn­te an den ers­ten der sie­ben Grund­sät­ze des Ro­ten Kreu­zes und Ro­ten Halb­monds: Mensch­lich­keit?

Na­di­ne Schnei­der und Ka­ba Röss­ler sa­gen uni­so­no: «Nicht ver­zwei­feln!» Ge­ra­de Dun­ants Bei­spiel zei­ge, dass ein ein­zel­ner Mensch Din­ge ins Rol­len brin­gen und zum Bes­se­ren wen­de kön­ne, bei all den Brü­chen und Ha­ken sei­ner Bio­gra­fie, die auch im Mu­se­um nicht ver­schwie­gen wer­den. «Wir sind kei­ne Ak­ti­vis­tin­nen. Wir sind auch kein Frie­dens­for­schungs­in­sti­tut. Aber was wir als Mu­se­um leis­ten kön­nen, ist: den Bo­den be­rei­ten für die, die sich en­ga­gie­ren wol­len. Ei­ne Platt­form bie­ten. Und die Men­schen be­stär­ken im Prin­zip Hoff­nung.» 

Die neue Aus­stel­lung zieht

Ge­ra­de weil die Grund­sät­ze der Gen­fer Kon­ven­ti­on und die Wer­te der Mit­mensch­lich­keit vie­ler­orts mit Füs­sen ge­tre­ten wür­den, sei es wich­tig, ein Ge­gen­ge­wicht zu bil­den. Da­für hilft Ver­net­zung – «nur ge­mein­sam kann man den zer­stö­re­ri­schen Kräf­ten Pa­ro­li bie­ten». Hei­den ist denn auch ein­ge­bun­den in die In­ter­na­tio­nal Peace Mu­se­ums Or­ga­ni­sa­ti­on und ar­bei­tet mit vie­len wei­te­ren In­sti­tu­tio­nen zu­sam­men. 

Da­zu brau­che es aber auch Mit­tel. Und die sind in Hei­den wie an­ders­wo knapp. Von Kan­ton, Ge­mein­de, Pri­va­ten und Ti­ckets kom­men zwar rund 200'000 Fran­ken zu­sam­men – der Be­trieb kos­tet je­doch das Dop­pel­te, ins­be­son­de­re wenn Ei­gen­pro­duk­tio­nen wie Fil­me, Au­di­os, künst­le­ri­sche Bei­trä­ge oder auch Sym­po­si­en kon­zi­piert und rea­li­siert wer­den sol­len. Und wenn, wie ge­plant, der Ge­gen­warts­flü­gel zum 7/24-Mu­se­um wird: Mit ei­ner App soll man sich dann­zu­mal zu je­der Ta­ges- und Nacht­zeit für ei­nen Mu­se­ums­be­such an­mel­den kön­nen. 

All das gibt zu tun. Und es zieht an: In den ers­ten drei Mo­na­ten seit der Neu­eröff­nung des Mu­se­ums letz­ten Herbst sind be­reits so vie­le Be­su­cher:in­nen ge­zählt wor­den wie sonst in ei­nem gan­zen Jahr. «Hen­ry is back» heisst das au­gen­zwin­kern­de Mot­to zum Neu­start – «back» be­zie­hungs­wei­se nie ver­schwun­den sind aber auch Krieg und Ge­walt und da­mit die The­men, de­nen Hen­ry Dun­ant sein Le­ben ge­wid­met hat.

30. März, 14 Uhr: «Die Waf­fen nie­der!», Le­sung aus dem Ro­man von Ber­tha von Sutt­ner mit der Schau­spie­le­rin Mi­ri­am Japp

24. Mai, 13 Uhr: Dun­ant-Sou­ve­nir, Aus­stel­lungs­er­öff­nung; 15 Uhr: Kon­zert mit Meera Eil­a­bouni (Pa­läs­ti­na) und Dia­ne Ka­plan (Is­ra­el), Lin­de Hei­den

Das Mu­se­um ist täg­lich 11 – 16 Uhr ge­öff­net und bar­rie­re­frei zu­gäng­lich.

dun­ant-mu­se­um.ch