Neben der Eingangstür hängt noch die alte Gedenktafel an Henry Dunant, der in diesem Haus «in stiller Zurückgezogenheit» die letzten 18 Lebensjahre verbracht hatte, darunter der Vers: «Ob seine Asche längst verweht, was Liebe schuf, lebt und besteht.» Dunant, der Wohltäter der Menschheit, Gründer des Roten Kreuzes, unermüdlicher Reisender in Sachen Humanität, 1901 Träger des ersten Friedensnobelpreises: Er wird im umfassend neu konzipierten Museum zwar auch gewürdigt. Aber nicht zum Helden hochstilisiert. «Es stehen genug Männer auf dem Sockel», sagt Co-Leiterin Nadine Schneider trocken. Ihre Kollegin Kaba Rössler ergänzt: Im Dunant-Museum sollen die Werte im Zentrum stehen, für die er eingestanden ist – Humanität, Menschlichkeit, Völkerrecht.
«Fridu» und Konflikte im Gegenwartsflügel
Dass es um diese Werte nicht zum Besten steht, schlagen einem gerade die Schlagzeilen täglich um die Ohren. Das Dunant-Museum sieht sich mittendrin – und hat drum die Hälfte seiner Räume zum «Gegenwartsflügel» gemacht. Hier sind in einem Raum eine Reihe von Kurzfilmen zu sehen, raumfüllend präsentiert auf drei Bildschirmen. Das Programm ist mit dem Filmemacher Davide Tisato entwickelt worden, der in Heiden, in der Nähe des Museums, aufgewachsen ist. In zwei Beiträgen kommen Schüler:innen einer Primar- und einer Sekklasse zu Wort. Sie diskutieren und experimentieren, wie eine gerechtere Welt aussehen oder wie Alltagskonflikte friedlich ausgetragen werden könnten. Zum andern informieren Dokfilme über aktuelle Kriegsgebiete und soziale Brennpunkte: Sultana zeigt den Kampf von Frauen für Menschenrechte in der besetzten Westsahara, Alarmphone dokumentiert die Seenotrettung von Geflüchteten im Mittelmeer, und Tisatos eigener Film Arance Amare porträtiert Erntearbeiter in Süditalien.
Im Vorraum fragt die Künstlerin Sarah Hugentobler in einer stillen und humorvollen Videoarbeit ihre Gesprächspartner:innen, was «Fridu» für sie bedeute. Dasselbe kann man sich selber fragen, im Gespräch am Tisch oder auf einer Postkarte: «Wo beginnt Frieden?» Die Antwort wirft man in den Original-Briefkasten des Dunant-Mitstreiters Rudolf Müller ein. Das Publikum nutze die Briefpost intensiv, viele blieben mehrere Stunden in der Ausstellung. Oder – für die Museumsleiterinnen eine besondere Bestätigung ihrer Arbeit – sie wollen wissen: «Wo kann ich mich selber engagieren?»
Von Solferino bis Gaza
Damit, mit dem eigenen Betroffensein, hat es auch bei Henry Dunant angefangen. Solferino 1859: Zufällig, weil er Kaiser Napoleon III. nachreist, um von ihm Unterstützung für seine stockenden Projekte in Algerien zu erhalten, gerät Dunant in Norditalien in das Kriegsgemetzel zwischen französischen und österreichischen Truppen, sieht die Verletzten und die Ohnmacht der Helfer:innen, packt an. Und publiziert drei Jahre später seine Erinnerung an Solferino, quasi die Gründungsurkunde des Roten Kreuzes.
Mit diesem Schlüsselerlebnis setzt, im anderen Museumsflügel, der historische Teil ein. Sparsam platzierte Originalobjekte erzählen ihre Geschichte: Dunants Spazierstock, ein Hygienekit für die Ukraine, das zerschossene Blechteil eines IKRK-Fahrzeugs oder eines der von Dunant skizzierten heilsgeschichtlichen Diagramme. Fotos und Texte liefern Informationen, Audiodateien vertiefen die vielen, oft gescheiterten Projekte, die Dunant umgetrieben haben.
Die Gegenwart ist dabei immer dramatisch nah. Wie im Kapitel Altes Testament und neue Kolonien: Zusammen mit Templern aus Deutschland plant Dunant in den 1880er-Jahren die Erschliessung und Besiedlung Palästinas. Das «Heilige Land» soll für Christen und Juden zurückerobert werden. «Dabei vermischen sich koloniales Geschäftsinteresse, religiöse Überzeugung und zivilisatorisches Sendungsbewusstsein», heisst es im Begleittext. Der Plan scheitert – so wie noch 150 Jahre später eine Lösung für den Konflikt in weiter Ferne ist. Den Bogen zwischen damals und heute, zwischen Zionismus, Imperialismus und evangelikaler Heilsutopie schlägt ein Audiokommentar der Zürcher Historikerin Shelley Berlowitz.
Neben Dunant kommen auch Zeitgenoss:innen zu Wort und gross ins Bild, gespielt von Schauspieler:innen: Bertha von Suttner, Rudolf Müller, Georg Baumberger oder der Heidler Bäckersjunge Hans Schaffert. Und den Schluss des in vier Räumen thematisch gegliederten historischen Teils macht die Schrift, die Henry Dunant im hohen Alter hier im Haus, zwei Stockwerke weiter oben verfasste: L’avenir sanglant – die blutige Zukunft.
Wie hält man es aus als «Hüterin» des Dunant’schen Erbes, heute, in einem Moment, der «sanglant» ist wie lange nicht mehr? Und der einem den letzten Glauben rauben könnte an den ersten der sieben Grundsätze des Roten Kreuzes und Roten Halbmonds: Menschlichkeit?
Nadine Schneider und Kaba Rössler sagen unisono: «Nicht verzweifeln!» Gerade Dunants Beispiel zeige, dass ein einzelner Mensch Dinge ins Rollen bringen und zum Besseren wende könne, bei all den Brüchen und Haken seiner Biografie, die auch im Museum nicht verschwiegen werden. «Wir sind keine Aktivistinnen. Wir sind auch kein Friedensforschungsinstitut. Aber was wir als Museum leisten können, ist: den Boden bereiten für die, die sich engagieren wollen. Eine Plattform bieten. Und die Menschen bestärken im Prinzip Hoffnung.»
Die neue Ausstellung zieht
Gerade weil die Grundsätze der Genfer Konvention und die Werte der Mitmenschlichkeit vielerorts mit Füssen getreten würden, sei es wichtig, ein Gegengewicht zu bilden. Dafür hilft Vernetzung – «nur gemeinsam kann man den zerstörerischen Kräften Paroli bieten». Heiden ist denn auch eingebunden in die International Peace Museums Organisation und arbeitet mit vielen weiteren Institutionen zusammen.
Dazu brauche es aber auch Mittel. Und die sind in Heiden wie anderswo knapp. Von Kanton, Gemeinde, Privaten und Tickets kommen zwar rund 200'000 Franken zusammen – der Betrieb kostet jedoch das Doppelte, insbesondere wenn Eigenproduktionen wie Filme, Audios, künstlerische Beiträge oder auch Symposien konzipiert und realisiert werden sollen. Und wenn, wie geplant, der Gegenwartsflügel zum 7/24-Museum wird: Mit einer App soll man sich dannzumal zu jeder Tages- und Nachtzeit für einen Museumsbesuch anmelden können.
All das gibt zu tun. Und es zieht an: In den ersten drei Monaten seit der Neueröffnung des Museums letzten Herbst sind bereits so viele Besucher:innen gezählt worden wie sonst in einem ganzen Jahr. «Henry is back» heisst das augenzwinkernde Motto zum Neustart – «back» beziehungsweise nie verschwunden sind aber auch Krieg und Gewalt und damit die Themen, denen Henry Dunant sein Leben gewidmet hat.
30. März, 14 Uhr: «Die Waffen nieder!», Lesung aus dem Roman von Bertha von Suttner mit der Schauspielerin Miriam Japp
24. Mai, 13 Uhr: Dunant-Souvenir, Ausstellungseröffnung; 15 Uhr: Konzert mit Meera Eilabouni (Palästina) und Diane Kaplan (Israel), Linde Heiden
Das Museum ist täglich 11 – 16 Uhr geöffnet und barrierefrei zugänglich.
dunant-museum.ch