«Wir sind nichts Böses»
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Eigentlich mag sie diese öffentlichen Auftritte nicht «wahnsinnig gerne». Sie sei dann immer «so nervös und unruhig». Doch Fabienne Peter weiss: Mit ihrer Geschichte ist sie auch zu einem Vorbild geworden, und diese Geschichte erzählte die Baslerin am Samstagabend im Rahmen der fünften Fussballlichtspiele St.Gallen im ehemaligen Kino Tiffany.
Fabienne Peter ist die erste trans Frau im Schweizer Eishockey. Auf ihr Engagement hin hat der Eishockeyverband seine Regeln geändert, so dass mittlerweile auch trans Frauen in den Schweizer Ligen spielberechtigt sind. «Ich war überrascht, wie unkompliziert das alles ablief», sagte sie am Podium, das von Saiten-Redaktorin Corinne Riedener moderiert wurde und an dem auch der St.Galler Schüler und trans Mann Nick Oberholzer teilnahm.
Der Schweizer Eishockeyverband hat seine Regeln an die Richtlinien des Internationalen Olympischen Komitees IOC angepasst. Dazu gehört unter anderem, dass das Testosteron im Blut von trans Athletinnen einen bestimmten Wert nicht überschreiten darf, wenn sie an gewissen Wettkämpfen teilnehmen wollen. «Zu dieser Hormonspiegelmessung habe ich mittlerweile eine Hassliebe entwickelt», sagte Fabienne Peter. «Ich weiss, sie ist nötig und doch ist es mühsam, immer wieder beweisen zu müssen, dass ich am Wettkampf mitmachen darf.»
Wie das Umfeld reagierte
Vor dem Gespräch wurde der Film «Just Charlie» gezeigt, in dem es um die 14-jährige Charlie geht, die Fussball liebt und nur Charlie sein möchte. Doch das ist nicht so einfach: Charlie wurde im Körper eines Knaben geboren. Als sie das Angebot bekommt, in der Jugendmannschaft eines englischen Erstligaclubs zu spielen, tritt der innere Konflikt an die Oberfläche. Doch nicht alle haben Verständnis, vor allem der Vater reagiert ablehnend. Für Charlie beginnt ein Kampf für die eigene Identität und gegen äussere Widerstände.
«Der Film zeigt ganz gut die Gefühle, die man hat, wenn noch niemand etwas davon weiss», so Nick Oberholzer. Und Fabienne Peter sagte: «Diese innere Zerrissenheit kommt gut rüber. Ich habe mich stellenweise wiedererkannt.» Allerdings haben beide bei ihrem Coming Out weit weniger Ablehnung gespürt als die Protagonistin im Film.
«Mich haben zu jener Zeit zwei gute Freundinnen begleitet, die fast schon vor mir merkten, was mit mir los ist», erzählt die Spielerin des EHC Basel und fügt mit einem Schmunzeln an: «Als ich mich outete, sagten sie nur: Endlich hast du es auch gemerkt.» Ihr Umfeld habe mehrheitlich positiv reagiert. Allen voran ihre Partnerin, die sie noch in ihrer «alten Geschlechterrolle» kennen gelernt hat und mittlerweile ihre Frau ist. «Die Eltern haben sich zu Beginn zwar etwas schwergetan, doch inzwischen habe ich ein enges Verhältnis zu ihnen.»
Ähnlich war es bei Nick Oberholzer. Der heute 17-Jährige hatte sein Coming Out vor fast drei Jahren. «Ich hatte grosses Glück. Alle in meinem Umfeld, auch meine Eltern, reagierten recht gut.» Klar habe es auch vereinzelt Sticheleien gegeben. «Die kamen aber von Bekannten, deren Meinung mir sowieso nicht so wichtig war.» Fabienne Peter besuchte in der Zeit ihres Coming Outs die Fachhochschule. «Das einzige Problem damals war nur, in welcher Garderobe ich mich nun für den Sport umziehen soll.»
Vielfalt der Gesellschaft akzeptieren
Nick Oberholzer hatte früher, als er noch im Körper eines Mädchens war, Fussball gespielt. «Ich habe mich aber nie wirklich wohl gefühlt unter all den Mädchen», erzählte er. Dies habe er dann auch dem Trainer gesagt. «Er meinte aber nur, ich solle eine Pause machen und dann wiederkommen – ich ging nie wieder hin.»
Von der Sportwelt und der Gesellschaft im Allgemeinen fordert Oberholzer mehr Akzeptanz im Umgang mit trans Menschen. «Wir sind nichts Böses», sagte er. «Wir sind einfach Menschen, und ich glaube, es gibt in unserer Gesellschaft viele, die sich nicht hundertprozentig einem Geschlecht zugehörig fühlen.»
Auch Fabienne Peter wünscht sich, dass die «Vielfalt der Gesellschaft» akzeptiert werde. «Das Geschlecht ist nur eines von vielen Merkmalen eines Menschen und eigentlich doch gar nicht so wichtig.» Wenn ein Kind sage, es fühle sich im falschen Körper geboren, solle man Unterstützung bieten und nicht über das Kind hinweg entscheiden, sagte sie. «Das Schlimmste für einen trans Menschen ist ein erzwungenes Outing.»