Wir lieben Tiere

Die Wanderausstellung «Ich Tier Wir» im Open Art Museum in St.Gallen lädt zum Nachdenken über die Rolle des Tieres als Lebewesen, Symbol und Ressource ein. 

In der Gruppe der Katzenbilder hängt das Werk von Gilbert Pache aus dem Jahr 1995. (Bild: pd/Open Art Museum)

Fast al­le Men­schen lie­ben Tie­re. Wie sich die­se Lie­be aus­drückt, ist je­doch sehr un­ter­schied­lich. Ei­ni­ge lie­ben ih­ren Stu­ben­ti­ger, an­de­re ihr Steak und ganz vie­le lie­ben bei­des. Tie­re sind für uns Men­schen aber weit mehr als Haus­tier oder Nah­rungs­mit­tel: Sie sind Pro­jek­ti­ons­flä­che für ver­schie­dens­te Emo­tio­nen, Fan­ta­sien und Ge­schich­ten. 

Mit die­ser am­bi­va­len­ten Be­zie­hung zwi­schen Mensch und Tier setzt sich die in­ter­dis­zi­pli­nä­re Wan­der­aus­stel­lung «Ich Tier Wir» aus­ein­an­der und ver­knüpft künst­le­ri­sche, na­tur­wis­sen­schaft­li­che so­wie kul­tur­his­to­ri­sche Per­spek­ti­ven. Ent­wi­ckelt wur­de die Aus­stel­lung un­ter der Lei­tung von Pe­ter Kut­ner, Fisch­teich, in Ko­ope­ra­ti­on mit dem Mu­se­um zu Al­ler­hei­li­gen, dem Na­tura­ma Aar­gau so­wie dem Open Art Mu­se­um.

Bis zum 27. Ju­li ist «Ich Tier Wir» ge­mein­sam mit der Aus­stel­lung «Jean­nette Vo­gel» im Open Art Mu­se­um in St.Gal­len zu se­hen.

Vom Schlacht­haus aufs So­fa

Es sind sehr un­ter­schied­li­che Ex­po­na­te von di­ver­sen Künst­ler:in­nen, die das Ober­ge­schoss des Open Art Mu­se­ums fül­len. 

In der Fo­to­se­rie Ein Le­ben lang von Fa­bi­en­ne Gan­ten­bein (1987*) ste­hen zwei Zie­gen im Zen­trum. Un­ge­schönt por­trä­tiert Gan­ten­bein die ver­schie­de­nen Le­bens­ab­schnit­te der Tie­re. Von der Ge­burt über den Alp­som­mer bis zum Schlacht­hof. Und es ist ge­nau das Bild der Schlach­tung, das be­son­ders prä­sent ist: ro­ter Bo­den, ro­tes Blut. Da­nach zwei auf­ge­häng­te Lei­ber, bei­de ge­häu­tet, aus dem ei­nen quel­len die Ge­där­me. Die bei­den Zie­gen sind nicht mehr Tier, son­dern Fleisch und als sol­ches lan­den sie auch auf dem Grill. 

Fotoserie Ein Leben lang von Fabienne Gantenbein (Bild: Vera Zatti)

Et­was an­ders ver­läuft dann wohl das Le­ben der meis­ten Haus­tie­re, die eher sel­ten auf dem Tel­ler en­den, son­dern ge­lieb­te Be­glei­ter im mensch­li­chen All­tag sind. Ihr Sta­tus bleibt den­noch pa­ra­dox. Und ge­nau die­se Am­bi­va­lenz nimmt ei­ne Grup­pie­rung von ver­schie­de­nen Kat­zen­bil­dern auf. 

Auf den ers­ten Blick er­scheint sie als ver­spiel­tes Sam­mel­su­ri­um schnur­ren­der, neu­gie­rig bli­cken­der Stu­ben­ti­ger. Bei ge­naue­rer Be­trach­tung ir­ri­tie­ren ei­ni­ge Dar­stel­lung mit ei­ner un­er­war­te­ten Fremd­heit: Die Kat­zen schei­nen ver­zerrt und ent­frem­det, und ge­nau das sind sie auch in ih­rer Rol­le als Haus­tie­re. 

Misch­we­sen und Mast­schwein

Die Fra­ge, ob «wir uns auf Tie­re ein­las­sen kön­nen, oh­ne sie zu ver­mensch­li­chen und ih­nen un­se­re Wer­te auf­zu­bür­den» wirft die Aus­stel­lung gleich selbst auf. Sol­che Re­fle­xi­ons­an­sät­ze fin­den sich im ge­sam­ten Aus­stel­lungs­raum und sind auch in zwei­ten Aus­stel­lung im Open Art Mu­se­um «Jean­nette Vo­gel» zu fin­den. 

Hier hän­gen an far­bi­gen Wän­den zahl­rei­che Zeich­nun­gen von tie­ri­schen Misch­we­sen. Kind­lich, ver­spielt, na­iv. Di­rekt da­ne­ben ein kras­ser Kon­trast: ei­ne Holz­ta­fel über das Le­ben von Mast­schwei­nen. 

Tierwesen von Jeannette Vogel (Bild: Vera Zatti)

Die Aus­stel­lung macht die Wi­der­sprüch­lich­keit der Mensch-Tier-Be­zie­hung deut­lich. Es bleibt dem Pu­bli­kum über­las­sen, wie tief es sich auf die­se Aus­ein­an­der­set­zung ein­lässt. Wer möch­te, kann sich der nie­der­schwel­li­gen Re­fle­xi­ons­auf­for­de­rung ent­zie­hen und die Wer­ke le­dig­lich als äs­the­ti­sche Dar­stel­lun­gen be­trach­ten. Doch wer sich nicht mit den in­halt­li­chen Di­men­sio­nen be­schäf­tigt, ver­passt die In­ten­ti­on der Aus­stel­lung.

Erst durch ei­ne be­wuss­te Aus­ein­an­der­set­zung mit den Ex­po­na­ten be­ginnt die Aus­stel­lung wirk­lich zu spre­chen. Nicht nur die of­fen­kun­dig kri­ti­schen Wer­ke re­gen zum Nach­den­ken an – auch je­ne, die die Tie­re schein­bar harm­los als de­ko­ra­ti­ve Ob­jek­te in­sze­nie­ren, ver­deut­li­chen das un­glei­che Macht­ver­hält­nis. Das Tier wird zur mensch­li­chen Be­dürf­nis­be­frie­di­gung in­stru­men­ta­li­siert, als Nah­rungs­mit­tel oder emo­tio­na­les Be­zugs­ob­jekt. 

Die­se Hier­ar­chie prägt die Mensch-Tier-Be­zie­hung grund­le­gend, fast im­mer do­mi­niert der Mensch. Denn die­ser ist, so scheint es, doch et­was we­ni­ger Tier. Und es wird klar, was schon Ge­org Or­well in Ani­mal Farm schrieb: «Al­le Tie­re sind gleich, aber man­che sind glei­cher.»

 

«Ich Tier Wir» und «Jean­nette Vo­gel»: bis 27. Ju­li, Open Art Mu­se­um, St.Gal­len.

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