Fast alle Menschen lieben Tiere. Wie sich diese Liebe ausdrückt, ist jedoch sehr unterschiedlich. Einige lieben ihren Stubentiger, andere ihr Steak und ganz viele lieben beides. Tiere sind für uns Menschen aber weit mehr als Haustier oder Nahrungsmittel: Sie sind Projektionsfläche für verschiedenste Emotionen, Fantasien und Geschichten.
Mit dieser ambivalenten Beziehung zwischen Mensch und Tier setzt sich die interdisziplinäre Wanderausstellung «Ich Tier Wir» auseinander und verknüpft künstlerische, naturwissenschaftliche sowie kulturhistorische Perspektiven. Entwickelt wurde die Ausstellung unter der Leitung von Peter Kutner, Fischteich, in Kooperation mit dem Museum zu Allerheiligen, dem Naturama Aargau sowie dem Open Art Museum.
Bis zum 27. Juli ist «Ich Tier Wir» gemeinsam mit der Ausstellung «Jeannette Vogel» im Open Art Museum in St.Gallen zu sehen.
Vom Schlachthaus aufs Sofa
Es sind sehr unterschiedliche Exponate von diversen Künstler:innen, die das Obergeschoss des Open Art Museums füllen.
In der Fotoserie Ein Leben lang von Fabienne Gantenbein (1987*) stehen zwei Ziegen im Zentrum. Ungeschönt porträtiert Gantenbein die verschiedenen Lebensabschnitte der Tiere. Von der Geburt über den Alpsommer bis zum Schlachthof. Und es ist genau das Bild der Schlachtung, das besonders präsent ist: roter Boden, rotes Blut. Danach zwei aufgehängte Leiber, beide gehäutet, aus dem einen quellen die Gedärme. Die beiden Ziegen sind nicht mehr Tier, sondern Fleisch und als solches landen sie auch auf dem Grill.

Fotoserie Ein Leben lang von Fabienne Gantenbein (Bild: Vera Zatti)
Etwas anders verläuft dann wohl das Leben der meisten Haustiere, die eher selten auf dem Teller enden, sondern geliebte Begleiter im menschlichen Alltag sind. Ihr Status bleibt dennoch paradox. Und genau diese Ambivalenz nimmt eine Gruppierung von verschiedenen Katzenbildern auf.
Auf den ersten Blick erscheint sie als verspieltes Sammelsurium schnurrender, neugierig blickender Stubentiger. Bei genauerer Betrachtung irritieren einige Darstellung mit einer unerwarteten Fremdheit: Die Katzen scheinen verzerrt und entfremdet, und genau das sind sie auch in ihrer Rolle als Haustiere.
Mischwesen und Mastschwein
Die Frage, ob «wir uns auf Tiere einlassen können, ohne sie zu vermenschlichen und ihnen unsere Werte aufzubürden» wirft die Ausstellung gleich selbst auf. Solche Reflexionsansätze finden sich im gesamten Ausstellungsraum und sind auch in zweiten Ausstellung im Open Art Museum «Jeannette Vogel» zu finden.
Hier hängen an farbigen Wänden zahlreiche Zeichnungen von tierischen Mischwesen. Kindlich, verspielt, naiv. Direkt daneben ein krasser Kontrast: eine Holztafel über das Leben von Mastschweinen.

Tierwesen von Jeannette Vogel (Bild: Vera Zatti)
Die Ausstellung macht die Widersprüchlichkeit der Mensch-Tier-Beziehung deutlich. Es bleibt dem Publikum überlassen, wie tief es sich auf diese Auseinandersetzung einlässt. Wer möchte, kann sich der niederschwelligen Reflexionsaufforderung entziehen und die Werke lediglich als ästhetische Darstellungen betrachten. Doch wer sich nicht mit den inhaltlichen Dimensionen beschäftigt, verpasst die Intention der Ausstellung.
Erst durch eine bewusste Auseinandersetzung mit den Exponaten beginnt die Ausstellung wirklich zu sprechen. Nicht nur die offenkundig kritischen Werke regen zum Nachdenken an – auch jene, die die Tiere scheinbar harmlos als dekorative Objekte inszenieren, verdeutlichen das ungleiche Machtverhältnis. Das Tier wird zur menschlichen Bedürfnisbefriedigung instrumentalisiert, als Nahrungsmittel oder emotionales Bezugsobjekt.
Diese Hierarchie prägt die Mensch-Tier-Beziehung grundlegend, fast immer dominiert der Mensch. Denn dieser ist, so scheint es, doch etwas weniger Tier. Und es wird klar, was schon Georg Orwell in Animal Farm schrieb: «Alle Tiere sind gleich, aber manche sind gleicher.»
«Ich Tier Wir» und «Jeannette Vogel»: bis 27. Juli, Open Art Museum, St.Gallen.