Wie St.Gallen mit Minderheiten umging

Ein Höhepunkt der schweizweiten Emanzipationsbewegung: Am «Tag der Gehörlosen» im September 1991 demonstrierten in St.Gallen über 1000 gehörlose und hörende Personen für die Anerkennung der drei Schweizer Gebärdensprachen und gleichberechtigte Teilhabechancen für gehörlose Menschen. (Bild: pd)

Der «Weg der Vielfalt» eröffnet neue, wichtige Einblicke in die St.Galler Stadtgeschichte. Am Donnerstag wurde die Website vorgestellt und aufgeschaltet.

Ei­gent­lich hät­te man den Weg der Viel­falt gern mit 90 Ein­trä­gen be­gon­nen – pas­send zur Post­leit­zahl von St.Gal­len. Jetzt ist die Web­site mit 86 Ein­trä­gen on­line ge­gan­gen. Das macht aber nichts: Die vier feh­len­den Ein­trä­ge wird es mit Si­cher­heit bald ge­ben, und wei­te­re wer­den fol­gen. 

Der «Weg der Viel­falt» bie­tet Zu­gän­ge zu The­men der St.Gal­ler Stadt­ge­schich­te, die wich­tig und ge­gen­warts­re­le­vant sind, aber zu we­nig prä­sent. Im Kern steht die ge­sell­schaft­li­che Viel­falt in der Stadt St.Gal­len. Wie ging die Mehr­heits­ge­sell­schaft mit ih­ren Min­der­hei­ten um, die es zu al­len Zei­ten gab? Wel­che Spu­ren exis­tie­ren da­zu noch? Wel­che Ge­schich­ten soll­ten wei­ter­erzählt wer­den?

Der «Weg der Viel­falt» macht ganz ver­schie­de­ne Or­te öf­fent­lich sicht­bar. Sie er­zäh­len von Ge­rech­tig­keit, En­ga­ge­ment und Men­schen­rech­ten, aber auch von Ras­sis­mus, Aus­gren­zung und Ko­lo­nia­lis­mus, schreibt die Stadt St.Gal­len. «Man­che die­ser Or­te ste­hen für mu­ti­ges Ein­tre­ten für Mit­men­schen, ste­hen für Wi­der­stand, So­li­da­ri­tät und Ge­mein­sinn – an­de­re er­in­nern an dunk­le Ka­pi­tel der Stadt­ge­schich­te.»

Pro­jekt kommt zur rech­ten Zeit

Den An­fang macht die Er­mor­dung et­li­cher Ju­den und Jü­din­nen 1349 wäh­rend der gros­sen Pest, das jüngs­te Er­eig­nis ist der Tod zwei­er ta­mi­li­scher Bu­ben aus St.Gal­len 1987. Ei­ne in­ter­ak­ti­ve Kar­te macht all die­se Or­te zu­gäng­lich. Da­zu kom­men je­weils ein prä­gnan­ter, gut les­ba­rer Text so­wie zu­sätz­li­che In­for­ma­tio­nen, Fo­tos et­wa, Do­ku­men­te oder Links. 

Stadt­prä­si­den­tin Ma­ria Pap­pa freu­te sich an der gest­ri­gen Me­di­en­ori­en­tie­rung über die­se Aus­wei­tung des Blicks auf die St.Gal­ler Ge­schich­te und er­wähn­te, dass be­reits ver­schie­de­ne an­de­re Städ­te mehr über die­sen «Weg der Viel­falt» hät­ten wis­sen wol­len. Wich­tig sei auch die Viel­falt der Men­schen, die an der Aus­ar­bei­tung die­ses Pro­jekts be­tei­ligt war: ei­ne sie­ben­köp­fi­ge Fach­grup­pe aus ver­schie­de­nen Fach­be­rei­chen, da­zu die in­ter­es­sier­te Be­völ­ke­rung.

SP-Stadt­par­la­men­ta­ri­er Gal­lus Hu­fe­nus lob­te, dass sich St.Gal­len mit dem «Weg der Viel­falt» vor dem Un­recht in der ei­ge­nen Ge­schich­te nicht ver­ste­cke: «Wir wol­len ler­nen und wei­ter­kom­men, Wei­chen für die Zu­kunft stel­len.» Für die ei­ge­ne Ge­schich­te sei man nicht ver­ant­wort­lich, für die ei­ge­ne Ge­gen­wart hin­ge­gen schon. Und GLP-Stadt­par­la­men­ta­ri­er Phil­ipp Schön­bäch­ler mein­te, dass St.Gal­len mit die­sem «Weg der Viel­falt» ge­ra­de jetzt ein wich­ti­ges Zei­chen set­ze, wo Min­der­hei­ten durch den rechts­kon­ser­va­ti­ven, au­to­ri­tä­ren Zeit­geist un­ter Druck ge­rie­ten – rund um den Glo­bus. Stich­wort «Trump», Stich­wort «Mi­lei». 

Jetzt braucht es Ver­mitt­lungs­ar­beit

Zur­zeit glie­dern sich die Ein­trä­ge in acht The­men: Frau­en/Se­xis­mus, Que­er/Ho­mo­pho­bie, Ko­lo­nia­lis­mus/Ras­sis­mus, Jü­disch/An­ti­se­mi­tis­mus, Ar­beit/So­zia­les/Ar­mut, Mi­gra­ti­on/Asyl/Flucht, Na­zis/Fron­ten, Be­hin­de­rung. Sie bie­ten ei­ne Fül­le von Ge­schich­ten und Bio­gra­fien, vie­le könn­te man sich auch als Ro­man- oder Film­stoff den­ken. His­to­risch sind die The­men un­ter­schied­lich auf­ge­ar­bei­tet. Zur Frau­en­ge­schich­te und zum jü­di­schen St.Gal­len et­wa gibt es viel Li­te­ra­tur, ent­spre­chend reich sind die Ein­trä­ge. Das Um­ge­kehr­te gilt ins­be­son­de­re für die The­men «Que­er» und «Be­hin­de­rung». 

Ein wich­ti­ger Plus­punkt des Pro­jekts ist sei­ne di­gi­ta­le Form. Wer Fra­gen oder An­re­gun­gen hat, kann sie leicht über­mit­teln, und wei­te­re Ein­trä­ge und Ma­te­ria­li­en las­sen sich leicht in den «Weg der Viel­falt» ein­bau­en. Wich­tig ist aber auch, dass die­se in­ter­ak­ti­ve Kar­te den Weg in ei­ne mög­lichst brei­te Öf­fent­lich­keit fin­det – von Schu­len in und aus­ser­halb St.Gal­lens bis zu Tou­rist:in­nen, von der Po­li­tik bis zu den Me­di­en. Erst dann macht das Pro­jekt wirk­lich Sinn.

Zu die­sem Zweck muss es nun über ver­schie­dens­te Ka­nä­le kom­mu­ni­ziert wer­den. Da­zu kommt der Ein­be­zug von Fach­leu­ten, ins­be­son­de­re His­to­ri­ker:in­nen. Man muss ver­su­chen, sie ins Boot zu ho­len: Al­le The­men bie­ten An­satz­punk­te für wei­te­re, ver­tief­te For­schun­gen, de­ren Re­sul­ta­te dann wie­der in den «Weg der Viel­falt» ein­flies­sen kön­nen. 

Seit 2020 ein The­ma

Ein Zu­falls­pro­dukt ist die­ses Pro­jekt nicht. Die The­ma­tik liegt schon lan­ge in der Luft. Der kon­kre­te An­stoss da­zu kam 2020, im Som­mer von «Black Li­ves Mat­ter», mit ei­nem ent­spre­chen­den Pos­tu­lat im St.Gal­ler Stadt­par­la­ment, ein­ge­reicht von Gal­lus Hu­fe­nus und Do­ris Kö­ni­ger (SP), Na­di­ne Nie­der­hau­ser und Phil­ipp Schön­bäch­ler (GLP), Je­y­aku­mar Thurai­ra­jah und Cle­mens Mül­ler (Grü­ne). 2022 folg­te die In­ter­pel­la­ti­on «Um­gang mit der ko­lo­nia­len Ver­gan­gen­heit der Stadt St.Gal­len», ein­ge­reicht von Alex­an­dra Ake­ret (SP), Je­y­aku­mar Thurai­ra­jah (Grü­ne), Mi­ri­am Riz­vi (Ju­so) und Chris­ti­an Hu­ber (Grü­ne). Da­zu kam Pe­ter Oli­bet (SP) mit der In­ter­pel­la­ti­on «Mu­mie Sche­pe­ne­se in der Stifts­bi­blio­thek St. Gal­len», eben­falls 2022. 

In der sie­ben­köp­fi­gen Fach­grup­pe «Weg der Viel­falt» sit­zen: Ka­tha­ri­na Mo­ra­wek, In­klu­si­ons- und Di­ver­si­täts­be­ra­te­rin beim In­sti­tut neue Schweiz (INES); Ri­ta Kes­sel­ring, HSG-Pro­fes­so­rin für Ur­ban Stu­dies; Ju­dith Gros­se, Lei­te­rin des Ar­chivs für Frau­en-, Ge­schlech­ter- und So­zi­al­ge­schich­te; Ni­co­le Sta­del­mann, Co-Lei­te­rin des Ar­chivs der Orts­bür­ger­ge­mein­de; Hans Fäss­ler, His­to­ri­ker und Stadt­füh­rer; Mat­thi­as Fi­scher, Lei­ter der städ­ti­schen Denk­mal­pfle­ge, und Pe­ter To­bler, städ­ti­sche Dienst­stel­le für Ge­sell­schafts­fra­gen. Sa­mu­el Zu­ber­büh­ler, Lei­ter der städ­ti­schen Stand­ort­för­de­rung, ko­or­di­niert das Pro­jekt.

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