Textile meets Industrial

Hamid bestickt seine textiles trouvés mit feinen Kreuzstichen – ein beinahe parasitärer Eingriff, der sich zugleich mit erstaunlicher Sensibilität dem Trägermaterial anpasst. (Bild: pd/Kunsthalle St.Gallen)

Die Doppelausstellung von Majd Abdel Hamids filigranen Textilarbeiten und Sofia Salazar Rosales' industriell anmutenden Werken in der Kunsthalle St.Gallen vereint zwei scheinbar gegensätzliche künstlerische Positionen.

Der ers­te Ein­druck von Majd Ab­del Ha­mids Aus­stel­lung «Re­so­nan­ces» ist über­ra­schend nüch­tern: ei­ne klas­si­sche Hän­gung ent­lang der Wän­de, in der Mit­te des Rau­mes ei­ne Tisch­in­stal­la­ti­on, die die Ge­ne­se der sich dort re­pe­tie­ren­den Mo­ti­vik nach­voll­zieh­bar macht. Doch von die­sem schein­bar ge­ord­ne­ten Aus­gangs­punkt ent­fal­tet sich ein zu­neh­men­der Abs­tra­hie­rungs­pro­zess über die Wän­de hin­weg. Im Zen­trum die­ser Ent­wick­lung steht die geo­me­tri­sche Struk­tur der Ewig­blät­ter – ei­ne dick­blätt­ri­ge Pflan­ze, die lan­ge oh­ne Was­ser über­le­ben kann.

Die­ser Pro­zess be­glei­tet Ha­mid schon lan­ge: Die Pflan­ze be­geg­ne­te ihm oft in sei­nem All­tag zwi­schen Pa­ris und Bei­rut. In sei­nem Werk wird die Pflan­ze zum Aus­gangs­punkt ei­ner Me­ta­mor­pho­se: Mit der Tech­nik des Sti­ckens un­ter­wan­dert er die Ma­te­ria­li­tät des Ori­gi­nals und über­führt das pflanz­li­che Mo­tiv in abs­trak­te Mi­nia­tu­ren – mal auf Stoff, mal auf Plas­tik­ras­ter oder Pa­pier. Be­son­ders in ih­ren mo­no­chro­men Schich­tun­gen er­in­nern sei­ne Ar­bei­ten an den abs­trak­ten Ex­pres­sio­nis­mus.

Tex­ti­le Kunst als Ge­gen­ent­wurf

Akri­bisch do­ku­men­tiert Ha­mid die Ent­ste­hung sei­ner Mo­ti­ve an­hand des Pflan­zen­wachs­tums. Die Ma­te­ria­li­tät sei­ner Ar­bei­ten setzt sich in Sti­cke­rei­en auf ver­schie­de­nen Tex­ti­li­en fort, wie et­wa Ta­schen­tü­chern, Tisch­de­cken oder zer­schnit­te­nen Flug­zeug­ser­vi­et­ten aus al­ler Welt. Die Zart­heit sei­nes Hand­werks, das die pa­läs­ti­nen­si­sche Kreuz­stich­t­ra­di­ti­on wi­der­spie­gelt, steht sinn­bild­lich für den be­wuss­ten Ar­beits­pro­zess, den Ha­mid pro­pa­giert.

Die Ar­beit mit dem Fa­den bil­det ei­nen be­wuss­ten Kon­trast zur be­schleu­nig­ten Welt und ver­weist zu­gleich auf de­ren Fra­gi­li­tät. Wie die­se fei­nen Fä­den sind auch kol­lek­ti­ve Er­in­ne­run­gen in Dia­spo­ra­ge­sell­schaf­ten in­sta­bil. In die­sem Kon­text bie­ten Ha­mids Fa­den­as­sem­bla­gen ei­ne tref­fen­de­re Me­ta­pher für das, was im Deut­schen oft mit dem Be­griff Hei­mat be­zeich­net wird: ei­ne Hei­mat, die viel­schich­tig und trans­na­tio­nal sein kann – nicht orts­ge­bun­den, son­dern in Sym­bo­len ver­an­kert, wie et­wa in ei­ner Pflan­ze, die Ha­mid an sei­ne ei­ge­nen Wur­zeln er­in­nert.

Das Experimentieren mit der Beschaffenheit der verwendeten Objekte und Materialien ist ein wiederkehrendes Element in beiden derzeit in der Kunsthalle gezeigten Ausstellungen. (Bild: Lilli Kim Schreiber)

Der Be­zug zur tex­til­in­dus­tri­el­len Ge­schich­te St.Gal­lens, den der Aus­stel­lungs­text her­vor­hebt, mag auf den ers­ten Blick na­he­lie­gend er­schei­nen. Doch in Ha­mids de­tail­ver­lieb­tem Schaf­fen er­ge­ben sich span­nen­de neue Re­so­nan­zen: Ein von ihm be­mal­tes, in Bei­rut ge­fun­de­nes Stück Ätz­spit­ze fin­det sich in der Post­kar­ten-Se­rie wie­der. Das Ver­fah­ren der Ätz­spit­ze, im Fach­ter­mi­nus Gui­pu­re ge­nannt, wur­de ur­sprüng­lich aus Ja­pan in die Schweiz im­por­tiert. Ha­mid, der selbst wäh­rend ei­nes Be­suchs im Tex­til­mu­se­um St. Gal­len Stof­fe für sein Schaf­fen er­wor­ben hat, dürf­te die­se trans­na­tio­na­le Ver­flech­tung si­cher­lich auf­ge­fal­len sein.

Von mü­den Stahl­trä­ge­rin­nen

Beim Be­tre­ten der zwei­ten Aus­stel­lung «Ima­gí­na­te vi­vir en Sui­za y per­der­te es­to» von Sofía Sa­la­zar Ro­sa­les fällt zu­nächst ein deut­li­cher Kon­trast auf. Ei­ne in­dus­tri­el­le Au­ra, ver­stärkt durch meh­re­re Skulp­tu­ren, emp­fängt den Be­trach­ten­den. Es glit­zert – und doch wirkt al­les un­glaub­lich schwer und mü­de. Die Skulp­tu­ren, die Ro­sa­les al­le als weib­li­che Fi­gu­ren ver­steht, sind aus ei­nem brei­ten Ma­te­ri­al­spek­trum ge­fer­tigt, dar­un­ter Glas­fa­ser, Harz, Vi­nyl und Be­ton. Äus­ser­lich er­in­nern sie an aus­ran­gier­te Au­to­rei­fen, Stahl­trä­ger und Pal­men­blät­ter, die al­le die Er­schei­nung mü­der Wan­de­rer ver­ei­nen. Die­se des­il­lu­sio­nier­te Per­spek­ti­ve auf das stän­di­ge Un­ter­wegs­sein und die da­mit ver­bun­de­ne Rast­lo­sig­keit bil­det ei­ne wei­te­re Par­al­le­le zu Fra­gen rund um Zeit so­wie die trans­for­ma­ti­ven Po­ten­tia­le der ver­wen­de­ten Ma­te­ria­li­en und dar­ge­stell­ten Sym­bo­le.

Der Ti­tel der Aus­stel­lung, auf Deutsch et­wa Stell dir vor, du lebst in der Schweiz und ver­passt das hier, ver­weist auf ein in vie­len la­tein­ame­ri­ka­ni­schen Staa­ten be­kann­tes Me­me so­wie ei­nen Tik­Tok-Trend, der ste­reo­ty­pe, teils chao­tisch-ab­sur­de All­tags­ge­ge­ben­hei­ten in La­tein­ame­ri­ka auf über­spitz­te Wei­se dem schein­bar ge­ord­ne­ten All­tag in der Schweiz ge­gen­über­stellt. Ro­sa­les, de­ren Wer­ke erst­mals in ei­ner Schwei­zer In­sti­tu­ti­on zu se­hen sind, fand den Trend so pas­send, dass sie ihn als Aus­stel­lungs­ti­tel wähl­te – auch wenn die Ver­bin­dung zu den ge­zeig­ten Wer­ken nicht un­mit­tel­bar er­sicht­lich ist.

Über­wäl­ti­gung als Stra­te­gie

Mit ge­ra­de ein­mal 25 Jah­ren über­zeugt Ro­sa­les, die in Ecua­dor ge­bo­ren wur­de, mit ei­ner Fül­le an Wer­ken, die be­wusst ei­nen über­wäl­ti­gen­den Ef­fekt auf die Be­su­cher:in­nen aus­lö­sen sol­len. Für die Aus­stel­lung in der Kunst­hal­le hat sie ge­zielt mehr Wer­ke ge­schaf­fen als ur­sprüng­lich vor­ge­se­hen. Da­mit setzt sie ein in­sze­na­to­ri­sches State­ment ge­gen den Pu­ris­mus mo­der­ner west­li­cher Kunst­in­sti­tu­tio­nen. Zu­dem ver­weist sie auf Bolí­var Eche­ver­rí­as Theo­rie des ba­ro­cken Ethos, die auf Im­pro­vi­sa­ti­on, Opu­lenz und sym­bo­li­scher Um­deu­tung ba­siert und sich in La­tein­ame­ri­ka als Ge­gen­mo­dell zum ka­pi­ta­lis­ti­schen Er­be der ehe­ma­li­gen Ko­lo­ni­sa­to­ren be­haup­tet.

Das Holzperlennetz mit Bananenreplikaten steht sinnbildlich für die gewaltvolle Umsiedlung im Zuge der unfreiwilligen Internationalisierung des Bananenexports. Die aus Eisen und Fasern angedeuteten Palmblätter im Hintergrund greifen die gegenwärtige Debatte über das Verbot der «invasiven» Tessiner-Palme auf. (Bild: Lilli Kim Schreiber)

Auch über die In­sze­nie­rung hin­aus be­schäf­tigt sich Ro­sa­les’ Werk mit den hy­bri­den Struk­tu­ren la­tein­ame­ri­ka­ni­scher Ge­sell­schaf­ten. So stellt sie ge­krümm­te Fi­gu­ren nach dem Vor­bild ehe­ma­li­ger Ko­lo­ni­al­fracht­sä­cke aus, de­ren Last förm­lich spür­bar ist. Ein Netz vol­ler ge­fro­re­ner Ba­na­nen­nach­bil­dun­gen hängt mah­nend im Raum und ver­weist auf ko­lo­nia­le Han­dels­struk­tu­ren, die süd­ame­ri­ka­ni­sche Län­der nicht nur stark aus­beu­te­ten, son­dern auch po­li­tisch und öko­no­misch nach­hal­tig de­sta­bi­li­sier­ten – ei­ne Rea­li­tät, die sich bis heu­te im de­spek­tier­li­chen Be­griff der «Ba­na­nen­re­pu­bli­ken» wi­der­spie­gelt. Die­se Struk­tu­ren be­stehen fort, et­wa un­ter dem La­bel Chi­qui­ta, dem heu­ti­gen Nach­fol­ger der United Fruit Com­pa­ny. 

Auch dar­auf ver­weist Ro­sa­les mit ih­rer Ar­beit und lässt zu­gleich an­klin­gen, wie er­mü­dend der fort­wäh­ren­de Kreis­lauf ko­lo­nia­ler Kon­ti­nui­tä­ten und die ewi­ge Wie­der­kehr des im­mer Glei­chen auch für sie selbst ist.

 

Majd Ab­del Ha­mid «Re­so­nan­ces» und Sofía Sa­la­zar Ro­sa­les «Ima­gí­na­te vi­vir en Sui­za y per­der­te es­to»: bis 18. Mai, Kunst­hal­le St.Gal­len. 

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