Sie dürfen mir den Arsch küssen
Hin und wieder lohnt es sich, das «Tagblatt» aufzuschlagen. Heute zum Beispiel. Auf Seite zwei wurde ein weitsichtiger Kommentar des ehemaligen Chefredaktors Gottlieb F. Höpli dargereicht. Endlich lässt sich wiedermal ein alter weisser Mann hernieder, um uns Frauen zu erklären, was das Beste für uns ist. Das hat uns ja auch in vergangenen Jahrzehnten enorm viel geholfen.
Dank Höpli wissen wir jetzt, dass es sich bei dieser ganzen #metoo-Sache lediglich «um einen dieser Medienhypes handelt, die man hinterher fast nicht mehr versteht». So ernst kann es also nicht sein, weil mit dem echten Leben und so hat #metoo ja wenig zu tun.
Seit heute wissen wir deshalb auch, was «kluge Journalistinnen» sind. Nämlich solche, denen es «womöglich rascher verleidet, sich als Angehörige des ‹Me too›-Opferkollektivs zu inszenieren als ihren männlichen Kollegen». Wieso? Weil diese «Inszenierung den Frauen mehr schadet als nützt». Unsichtbare Probleme sind keine Probleme, das sollte mittlerweile nun wirklich allen klar sein.
Ausserdem, so die Argumentation des lebenserfahrenen Ex-Chefredaktors, spiele die Schwere des Übergriffs ja fast keine Rolle mehr. In Höplis Worten: «Als Übergriffsopfer gilt, wer sich als Übergriffsopfer fühlt. Basta.» Ja genau, wo kämen wir denn da hin, wenn plötzlich nur die Betroffenen darüber entscheiden, ob sie sich nun zu Recht verletzt fühlen dürfen oder nicht.
Gut, dass Höpli angesichts der ganzen sexistischen Verallgemeinerung daran erinnert, «dass Frauen hierzulande noch nie so viele Freiheiten besassen, sich in der Öffentlichkeit zu zeigen». Hätten wir glatt vergessen. Danke, liebe Männer, für all die vielen Freiheiten, die ihr uns seit 46 (Stimmrecht) oder 21 Jahren (Gleichstellungsgesetz) gewährt. Das mit der Lohngleichheit schaffen wir auch noch, gälled!
Wir werden uns jedenfalls in Zukunft dankbarer zeigen und im Zuge dessen auch die sexuellen Übergriffe, die ja ehrlicherweise nur Komplimente und deshalb gar nicht so schlimm sind, nicht mehr allzu oft ansprechen bzw. nur noch dann, wenn unsere Geschlechtsteile sichtlich in Mittleidenschaft gezogen wurden.
Wir werden uns künftig auch in jeder Debatte mindestens einmal dazu äussern, wie schlecht es anderen Frauen geht und uns über «die erschreckende Misere der Frauen und Mädchen in anderen Weltgegenden aufregen» – wie es Herr Höpli ja auch bei jeder sich bietenden Gelegenheit tat und tut. Auch wir finden das nämlich unsäglich und schlimm. #whatabout statt #metoo.
Zu Höplis Verdacht, «dass die Verallgemeinerung und Ballung der Sexismusvorwürfe – vom Hinterherpfeifen vom Baustellengerüst bis zur Gruppenvergewaltigung – nicht einfach einem generellen Verständnis von Menschenwürde entspringt», sondern einer «heimlichen Agenda, die sich aus dunkleren Quellen nährt», bleibt zu sagen: Nostra Culpa! Wir dachten, es sei unsere Pflicht dieser folgen. Sie heisst Gleichstellung.