serpentinen in den augen

Olivia Wenzel war mit ihrem Debütroman «1000 serpentinen angst» an die Solothurner Literaturtage eingeladen. Bis morgen findet das Festival jetzt online statt. Sie versuche junge Leute anzusprechen, «die der ziemlich weisse, ziemlich akademische deutschsprachige buchmarkt nicht im blick hat», schreibt Wenzel im Online-«Logbuch». Hier ihr Text.
Von  Gastbeitrag
Olivia Wenzel. (Bild: Juliane Werner / S. Fischer)

disclaimer: es ist ende april 2020, vor fast zwei monaten erschien mein debütroman «1000 serpentinen angst». glücklicherweise konnten die buchpremiere und die veröffentlichung stattfinden, bevor corona global den alltag grundlegend veränderte, und bevor ausnahmen zu routinen wurden. seither habe ich diverse interviews gegeben und begonnen, wie von außen für ein außen über mein buch zu sprechen. das kommt mir manchmal vor, als würde ich von einer autorin und person berichten, die ich weder bin, noch besonders gut kenne. oder anders: gerade lerne ich, sendungsbewusst und nicht zu privat zu sprechen, fragen als vorlagen zu nutzen, um etwas über das eigene schreiben und dasein zu erzählen, das ich mir ohnehin zurecht gelegt habe. etwas, mit dem ich etwas sagen will, etwas, mit dem ich etwas aussagen will, etwas mit etwas. aus dieser phase reflexiver, ichbezogener und zugleich entfremdeter selbstumkreiselung heraus notiere ich die nachfolgenden überlegungen.

 

I

als ich die ersten 200 seiten von «1000 serpentinen angst» beisammen hatte (irgendwann ende 2018, endlich, ich war erschöpft), dämmerte mir, dass keine fotografie, mit der ich während des schreibprozesses gearbeitet hatte, ihren weg ins buch finden würde. wer das fertige buch liest, spürt diesen verlust nicht. doch für mich war die damalige erkenntnis, dass es weit mehr braucht, um fotografien mit literarischem text zu verknüpfen, als mal teju cole oder w.g. sebald gelesen und diverse bilder gesammelt zu haben, ernüchternd. war ich vorher trunken gewesen von meiner idee, irgendwie besondere fotos im buch auftauchen zu lassen von menschen, die nicht weiß waren, fotos also, wie sie im mainstream deutschen kulturalltags nicht vorkommen, yass!, saß ich jetzt (ende november, ich war wirklich erschöpft) ausgenüchtert herum. das licht meiner schreibtischlampe stach bis hinter meine augäpfel. die viel zu warme wintersonne gab mir das gefühl, lebenszeit zu vergeuden. auf eine nicht hedonistische art. fatal.

Olivia Wenzel, geboren 1985 in Weimar, schreibt Theatertexte und Prosa. 1000 Serpentinen Angst (Verlag S. Fischer 2020, Fr. 29.90) ist ihr Romandebüt. Ausserdem arbeitet sie in Workshops mit jungen Menschen oder steht als Performerin in Kollektiven auf der Bühne. Auf literatur-online.ch spricht Olivia Wenzel mit Bernadette Conrad über ihr Schaffen.

alle porträtbilder, die ich mir ausgedruckt an die wand gepinnt hatte, stammten aus unterschiedlichen quellen, manche aus privaten kontexten: sie waren bspw. schnappschüsse von freundinnen und bekannten, oft bilder aus den 1980er -und 90er-jahren. zum teil waren es auch bilder aus der gegenwart, auf instagram und pinterest gescreenshottet. zum teil waren es gemälde aus vergangenen jahrhunderten – aus großen, schweren büchern abfotografiert.

es waren allesamt bilder, die ich mir aneignen wollte und mittels derer ich – ohne dass ich es ende 2018 so hätte benennen können – versucht habe, meine eigenen sehgewohnheiten zu dekolonisieren. meine protagonistin sollte zu den bildern in beziehung treten: mal darüber, dass ich sie mir tatsächlich in ihnen vorstellte, mal indem ich rings um die bilder assoziierend ihre gedankenwelt wiedergab. allerdings kam dabei selten etwas überzeugendes heraus; die bilder standen nicht mit mir oder meiner erzählerin in beziehung. uns drei verband nichts, außer mein wille, uns zu verbinden. sobald ich die bilder in einer datei auf text treffen ließ, wurde es whack. pseudoauthentifizierend irgendwie, so als wollten die bilder das gesagte belegen. oder so, als wollte der text sichergehen, auf jeden fall richtig verstanden zu werden. ohne die bilder waren alle texte stärker. ohne meine texte waren die bilder stärker. also habe ich die idee von abbildungen im roman verworfen und stattdessen meine eigenen bilder produziert – im roman mittels sprache, im anschluss an den schreibprozess tatsächlich.

 

II

ende 2018 treffe ich mich zum ersten mal mit anh trieu, philipp rühr und henning fehr (ich war erschöpft, wie gesagt – 1000 serpentinen kamen mir damals vor wie eine million serpentinen, die ich nicht länger überblickte. erfahrungsgemäß hilft es, mich an solchen tiefpunkten abzulenken mit etwas neuem. deshalb ein video, fürs belohnungszentrum, yass!). wir beginnen, ideen für filmisches zu sammeln, doch aufgrund diverser deadlines fangen wir erst ein gutes jahr später an, zu drehen. als wir dann alle zusammenkommen in meinem wohnzimmer, mit der crew und den jungen, erwachsenen darsteller*innen, die wir manchmal aus versehen «kids» nennen, ist es schön. etwas gutes beginnt, etwas mit etwas.

und irgendwann dann dieser moment: als ich befangen eine textpassage vorlese, um klarzumachen, was der ausgangspunkt des projekts ist. als die kids danach ergriffen sind und es genauso sagen. oder dieser moment: als wir zu keinem zeitpunkt mit ihnen darüber sprechen, warum wir genau sie auf der straße oder im supermarkt gecastet haben und nicht ihren freundlichen arbeitskollegen. oder dieser moment: als wir wochen später am set einen heliumbefüllten luftballon in form eines auges absichtlich fliegen lassen und ein darsteller ruft: «das macht mich depressiv! ich halt‘ das nicht aus, luftballons sind nicht dafür bestimmt, wegzufliegen! aber es ist irgendwie auch modern art!» oder dieser moment: als wir während einer drehpause zu acht auf dem kalten sandboden sitzen und manche eine mittelmäßige suppe löffeln. wegen der ballons sehen wir von weitem aus wie eine gruppe erwachsener, die kindergeburtstag feiert – bei fünf grad und sehr viel wind. diese warmen, teils schrägen augenblicke habe ich für mich selbst geschaffen, zusammen mit anderen und dank ihrer aufopfernden, unterbezahlten hilfe. als verlängerung des buchs, als verlinkung in eine andere realität. diese momentaufnahmen trage ich in mir und krame sie hervor, wenn in öffentlichkeiten mal wieder rassistische stereotype ausgepackt werden. es sind neue bilder, gekoppelt an neue erinnerungen, die mir kraft geben.

manche leute sagen, das video sei für einen buchtrailer – ein eigenartiges genre, das angeblich der bewerbung von büchern dient und eigentlich niemanden interessiert – unglaublich gut geworden. andere finden, das video sei für ein musikvideo ziemlich amateurhaft, die bilder würden nicht flowen usw. ich mag den film sehr gern, auch, weil er für mich beides ist, buchtrailer und musikvideo, und gleichzeitig nichts von beidem definitiv.

an unseren ersten arbeitstreffen und gegenüber meinem verlag habe ich betont, dass mir wichtig ist, mit video elemente des buchs in eine sprache zu übersetzen, die junge leute anspricht. junge leute, die nicht selbstverständlich in buchhandlungen abhängen und die monatlich keine 21 Euro für ein buch ausgeben können. junge leute also, die nicht aus gutbürgerlichen familien stammen, die vielleicht nicht weiß sind, und in deren umfeld kultur zu produzieren weder als prestigeträchtig noch als seriös gilt. junge leute, die der ziemlich weiße, ziemlich akademische deutschsprachige buchmarkt nicht im blick hat. «aber jetzt komme ich», dachte und rief ich, «und mache alles besser!»

 

III

ob mein buch oder unser video diesem anspruch gerecht werden, wird sich zeigen. so oder so habe ich ein paar dinge gelernt: bilder, die ich anderen zeigen möchte, selbst zu produzieren, tut gut und not. diese bilder wiederum ins internet einzuspeisen – der einzig wahren demokratischen öffentlichkeit, dem einzig wahren kollektiven gedächtnis (möchte ich glauben) – ist wichtig. doch zu hoffen, mit diesen bildern unmittelbar junge menschen, die der buchmarkt übersieht, erreichen zu können, ist naiv. ich bin ja jetzt teil dieses marktes und nutze überwiegend seine kanäle. außerdem ist mir klar geworden, dass meine persönliche auseinandersetzung mit fotos und gemälden für den schreibprozess wichtiger war, als sie anderen zugänglich zu machen. im hiesigen text unternehme ich trotzdem den versuch, manche dieser bilder zu zeigen. dabei lege ich allerdings nicht offen, welche bilder tatsächlich und wie genau ins schreiben einflossen. wozu dann das ganze, was soll das?

mein vorgehen stiftet, so hoffe ich, neben produktiver verwirrung, zu neuen fragen an:

wenn ich musik höre, serien schaue oder texte lese, offline und online – welche dahinter liegenden menschenbilder sehe ich? und welche dieser bilder speichere ich ab? welche bilder bin ich so sehr gewohnt, zu sehen, dass sie mir normal und unumstößlich real erscheinen – normal bedrohlich, normal begehrenswert, normal langweilig? welche bilder fehlen mir? welche neuen bilder will ich zukünftig in literatur, film und popkultur erzählen und erzeugen?

disclaimer: derartige fragen bilden keinen rhetorischen abschluss meiner überlegungen; sie sind deren tastender anfang.

(c) Olivia Wenzel / SLT