Sandskulpturen auf Signer-Art

Roman Signer, gerade 80 geworden, legt noch einmal «Spuren»: Heute abend wird im Kunstmuseum St.Gallen die so betitelte Ausstellung eröffnet, mit teils neuen Werken und nicht ganz gefahrenfrei.
Von  Peter Surber
Bilder: Sebastian Stadler

Die Vernissage heute abend wird für das Kunstmuseum St.Gallen zur Feuerprobe. Allerdings nicht, wie es zum Sprengmeister Signer auch passen würde, im wörtlichen Sinn. Gesprengt wird nicht – die gefährlichen oder gefährdeten Elemente sind diesmal Holz und Sand.

Sandtreppe, 2018

Zum Beispiel die Sandtreppe: Den klassizistischen Aufgang zum ersten Stock hat Signer mit einer Sandspur in der Treppenmitte in Beschlag genommen. Grobkörniges Material hat er dafür gewählt, mit einem geringeren «Böschungswinkel» – man kann bei Signer immer auch neue Wörter lernen – als der ultrafeine Sand im oberen Stock. Oben im Foyer hat er über den Sand einen Autopneu rollen lassen. Es ist die jüngste, ebenfalls eigens für die Ausstellung entstandene Arbeit. Sie antwortet auf die Veloaktion mit gelbem Absperrband im selben Raum; 1982 ist Signer schon einmal mit dem Velo um die Säulen gekurvt, jetzt hat er die legendäre Aktion wiederholt, etwas weniger virtuos im Sattel als damals, wie er lachend sagt.

Die Pneuspur im Sand ist eine Schönheit. «Sand zeichnet Abdrücke deutlicher ab als Schnee», sagt Signer. Eine andere Spur legen die Krater, Sandkegel in den Seitensälen: Mit einem Luftgewehr hat der Künstler ein Loch in den Kegel geschossen, jetzt ist daraus ein Vulkan geworden. Am Presserundgang vor der Ausstellungseröffnung trampt zweimal jemand in den Sand, zwei der insgesamt acht Vulkane nehmen Schaden, fast fühlt man sich an Joseph Beuys‘ legendäre Fettecke erinnert, aber Signer trägt es mit Fassung. Die Krater sollen wieder im Ursprungszustand hergestellt sein zur Eröffnung, verspricht Museumsdirektor Roland Wäspe.

Roland Wäspe und Roman Signer in der 1980 für das Künstlerhaus Hamburg realisierten Installation – 347 in schwarze Farbe getauchte Dachlatten. (Bild: Claudius Krucker)

Albtraum für die Aufsicht

Das ist das Schicksal der Signer-Kunst: Sie kommt und geht. Sie hat «Potential», wie Wäspe es nennt, und damit auch das Potential, sich zu verändern oder zerstört zu werden, ob unabsichtlich oder extra. Die 120 im Quadrat aufgereihten Holzstelen, 2015 im schottischen Dundee entstanden, scheinen stabil zu sein – aber wehe, man stösst einen der dominoartig aufgestellten Pfosten um. Die Ausstellung hat das Zeug, ein Kinderparadies zu sein. Und ein Alptraum für die Aufsichten.

Roman Signer: Spuren
Kunstmuseum St.Gallen, bis 12. August
Vernissage: heute Freitag 18.30 Uhr

kunstmuseumsg.ch

Zwischen den drei Aggregatszuständen seiner Werke – Ausgangszustand, Prozesszustand, Endzustand – gibt es in der Ausstellung alle Varianten zu sehen. Die Sandtreppe ist (noch) im Anfangsstadium, die stehenden Holzbalken ebenfalls. Das durchschossene Fass und die Pneuspur zeigen ein Endstadium, die Super-8-Filme, im damals wegen Baufälligkeit geschlossenen Museum gedreht, dokumentieren den Prozess live – und im Oberlichtsaal prunkt das Zentralwerk der Schau: Blaues Fass: Schneise im Feld ist eine Rekonstruktion von Signers Arbeit für die Biennale Venedig 1999. In ein schilfartiges Feld von Stäben lässt Signer ein mit Wasser gefülltes Fass rollen:

Video: Michael Nyffenegger, sda

Übrig bleibt eine Schneise. Und ein neuer Begriff von «Skulptur», den Roman Signer mit seinen immer neuen Übungsanordnungen über die letzten fast 50 Jahre etabliert hat. Im Spiel mit den Elementen, mit Feuer, Luft und Wasser, mit der Schwerkraft, mit Fass, Kajak, Stuhl, Stiefel, Eimer, Holzpflock und anderen alltäglichen Dingen schlägt der Künstler immer neue Haken um die Realität und unseren Normalverstand.

Diese Ideenprozesse lassen sich an der Sammlung von Zeichnungen nachvollziehen, die teils aus dem Besitz der Signer-Fördererin Ursula Hauser, teils von anderen Privaten sowie aus dem Fundus des Museums stammen. Das allererste Werk, 1971 im Studium an der Kunstakademie in Warschau entstanden, ist ebenso darunter wie die mehrfachen Entwürfe für die gross angelegte Aktion, mit der Roman Signer 1997 die Wiedereröffnung des Kunstmuseums feierte.

Roman Signer erklärt den Plan der Sprengaktion 1997 zur Wiedereröffnung des Kunstmuseums im Stadtpark. (Bild: Claudius Krucker)

Alles unter Kontrolle

Die Reminiszenzen ans lottrige, geschlossene Museum gehören zum Kraftvollsten und Poetischsten dieser Ausstellung. Sie erzählen vom Unfertigen, Imperfekten, Anarchistischen einer vergangenen Zeit. Auch Sprengen wie damals gehe heute kaum noch, sagt Signer beim Fernseh-Interview vor Fass und Schneise. Zuviele Kontrollen, zuviele polizeiliche Auflagen, Terrorangst: Heutzutage würde er sofort verhaftet, sagt er und bedauert den Verlust an Freiräumen. Am Ende dürfe man gar nichts mehr machen, die Jungen seien frustriert und würden aggressiv – «da isch mini Meinig».

Und dann zum Schluss: Trotzdem wäre er gern nochmal jung. Er hätte noch so viele Ideen. Vor einer Woche ist Roman Signer 80 geworden.

«Romanromane, Signersignale»: Christoph Kellers Hommage an Roman Signer im Maiheft von Saiten.

Spur, 2018.