Saiten im Mai: Eins, zwei, Polizei
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All eyez on SG: Das galt gerade mal für knapp zwei Wochen. Die sogenannten «St.Galler Osterkrawalle», die unter dem Strich als eher harmlos bezeichnet werden dürfen (fragt mal die Stapo Zürich …), sind längst wieder von den Titelseiten und Busbildschirmen verschwunden. Augenfällig in der hyperventilierenden, aber kurzlebigen Debatte war die weit verbreitete Unfähigkeit oder der Unwille zur Differenzierung. Pauschal war von «der Jugend» die Rede. Pauschal wurde sie auch aus der Stadt weggewiesen am Ostersonntag. Sogar Saitenredaktorin Corinne Riedener – an diesem Abend in lokaljournalistischer Mission unterwegs – kassierte eine Wegweisung. Weil das Outfit offenbar zu jugendlich war. Nach Beschwerde beim Mediensprecher wurde die Wegweisung noch am gleichen Abend zurückgezogen.
Symptomatisch für diese Pauschalisierung war auch, dass sofort führende Jungpolitiker:innen in die Diskussionssendungen eingeladen wurden, um die Sorgen und Nöte «der Jungen» zu erklären. Wo man noch ein Mindestmass an Verständnis aufbringen wollte, wurden gestrichene Auslandsemester und verpasste Weltentdeckungsreisen betrauert. Wie bei dieser SRF-Userin hiess es aber meist: «Die Jungen können das nachholen, die Alten wahrscheinlich nicht mehr. Es kommt nun eben die Generation, die nie lernen musste, was Verzicht heisst.» Sagt vermutlich eine, die ihre Jugend in Zeiten des Aufschwungs, der Vollbeschäftigung und sicherer Renten erlebte und zwischen fünf Lehrstellen auswählen konnte.
Dieses Heft will zuerst der vernachlässigten Frage nachgehen, wer genau an den beiden Freitagabenden eskaliert ist. Ausführliche Gespräche mit fünf Beteiligten haben gezeigt: Das waren keine wohlstandsverwahrlosten Rich Kids und in der Mehrheit auch keine gelangweilten Espenblock-Chaot:innen, wie von der NZZ kolportiert wurde. Was die sogenannte «St.Galler Krawalljugend» sagt, denkt und fühlt, ist ab Seite 16 zu lesen.
Dabei geht es nicht um die Bewertung der Ausschreitungen, sondern – ganz im Sinne Maria Pappas, die in dieser Zeit als Stadtpräsidentin zum Medienstar avancierte – zuerst ums Zuhören und um die Perspektive, oder eher: die Perspektivlosigkeit gewisser Teile der Jugend, deren zunehmende Frustration und Gewaltbereitschaft nicht einfach mit Gummischrot und Tränengas weggeballert und aus der Stadt gewiesen werden können. Für die tiefgehenden und unbequemen sozialen, politischen und kulturellen Fragen, die sich nicht erst seit Ostern stellen, hat die Gesellschaft bisher keine passenden Antworten parat. Zugegeben: Saiten auch nicht. Die Schuld an den Ausschreitungen einseitig «der Jugend» zuzuschieben, greift aber definitiv zu kurz.
Deshalb gilt unser zweiter Blick der Polizei, die nach Ansicht vieler Beobachter:innen vor Ort zumindest am ersten Krawallfreitag zu forsch dreingefahren ist. Beispielhaft zeigt sich die repressive Grundhaltung auch im Umgang mit der lokalen Klimajugend und der Antifa. Zwei Aktivist:innen haben dazu eine Polizeieinsatz-Chronik der letzten 12 Monate zusammengestellt. Im Interview erklärt Fanarbeiter Thomas Weber, was mit einer ernstgemeinten Dialogstrategie zu erreichen wäre. Matthias Fässler denkt in seinem Text über das Verhältnis von Jugend, Männlichkeit und Gewalt nach. Und im Gespräch mit Stadtparlamentarier Etrit Hasler geht es um das Ringen um öffentliche Freiräume, das Polizeireglement von 2005 und die Geister, die die Ausgehstadt St.Gallen selber rief.
Ausserdem im reizenden Mai: ein Redeplatz zum internationalen Tag der Pflege, ein Rückblick auf den kalten Winter in Moria, Überlegungen zur Heimliefergesellschaft, Das Neue Evangelium, die Oehler-Biografie, Psychiatrie im Bild und endlich wieder veranstaltete Kultur.
Roman Hertler
Der Inhalt:
Reaktionen / Viel geklickt
In eigener Sache
In nicht nur eigener Sache
Redeplatz mit Alexandra Akeret
Stimmrecht von Samantha Wanjiru
Nebenbei gay von Anna Rosenwasser
Warum? von Jan Rutishauser
Eins, zwei, Polizei
Haze (16), Marc (18), Jovan (21), Leo (18) und Aliyah (19): Alle fünf waren mehr oder weniger beteiligt an den Ausschreitungen in St.Gallen – und schildern nun ihre Sicht der Dinge. Von Roman Hertler und Corinne Riedener
Kollektivstrafen kennt man auch in der Fussballszene. Thomas Weber von der Fanarbeit St.Gallen erklärt, was man mit einer ernstgemeinten Dialogstrategie erreichen kann. Von Corinne Riedener
Männerwelten im Tränengas: Gedanken zum Verhältnis von Männlichkeit und Gewalt und die Sehnsucht nach Anerkennung. Von Matthias Fässler
Bilder zum Titelthema: Jorimphotos (Karfreitag) und Element (Ostersonntag)
Perspektiven
Flaschenpost aus dem Balkan und Kleinasien, wo Grenzbeamte in Coronazeiten gemischte Gefühle auslösen. Von Daniel Bindernagel
Neues aus den überfüllten Camps auf Lesbos, wo die Menschen einen harten Winter durchlebten. Von Jonas Härter
Im Buch von Kathrin Ammann und Tobias Kindler kommen politisch engagierte Sozialarbeitende zu Wort – sofern sie einer Partei angehören. Von Thiemo Legatis
Im «Open Place» in Kreuzlingen sind alle willkommen, die in irgendeiner Weise in Not geraten sind. Von Judith Schuck
Gedanken zur modernen Heimliefergesellschaft, garniert mit einem Interview mit dem Thurgauer Künstler Max Bottini. Von Jeremias Heppeler
Kultur
Film als politisches Manifest: «Das Neue Evangelium» von Milo Rau ist jetzt doch noch im Kino zu sehen. Von Emilia Sulek
Sophie Taeuber-Arp wird in Basel als Avantgardistin gefeiert. Grund, auch an ihre Kindheit in Trogen zu erinnern. Von H.R. Fricker
Edgar Oehler war ein Tausendsassa in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Jetzt hat er sich seine Biografie schreiben lassen. Von Markus Rohner
Samira El-Maawi beschreibt in Romanform ihre Identitätssuche als Schwarze Schweizerin. Am «Kleinen Frühling» liest sie in Appenzell. Von Gallus Frei-Tomic
Ungeschönt: Das St.Galler Museum im Lagerhaus zeigt Schwarzweiss-Fotos aus dem Psychiatriealltag der 1970er- und 80er-Jahre. Von Wolfgang Steiger
Ranzige Bässe und trotzvoller Widerstand gegen die Mehrheitsgesellschaft: Freizeittechnologie Of Switzerland ist on Fire. Von Corinne Riedener
Höllenritt der Terror-Schwestern: Das Theater St.Gallen versetzt «König Lear» in die Welt der Virtual Reality. Von Peter Surber
Provinz? Nicht in Steckborn. Seit fünf Jahren vernetzt Judit Villiger dort im Haus zur Glocke Kunst und Publikum. Ein Besuch. Von Dieter Langhart
Neuer Platz für das Kulturlokal: Das KAFF in Frauenfeld bekommt einen Pavillon und hofft aufs Ende der ständigen Zügelei. Von Judith Schuck
Kultur bewegt sich subito zeitlos: Alpenhof, Kulturlandsgemeinde, Tanz, Pop und Protest im Parcours.
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