Punkt 10: Lattich oder Das Paradigma der Nähe
Zwei Tische, ein paar Stühle, eine Beizentafel draussen, drinnen ein kleiner einladender Raum. Seit rund drei Monaten gibt es sie, und man wünscht ihr ein langes Leben: Die kleine Pizzeria beim Bahnhof St.Gallen-Haggen steht, so unscheinbar sie ist, sinnbildlich für das neue Leben an den öd gewordenen Vorortsbahnhöfen. Die Hoffnung der Stadt- und Verkehrsplaner sind genau diese Areale: gut erschlossen durch den öV, attraktiv zum Wohnen und für die sonstigen Alltagsaktivitäten.
Die Devise heisst, um die mobilitätskritische Stockholmer Aktion planka.nu zu zitieren: weg vom Mobilitätsparadigma – hin zum Paradigma der Nähe. Damit dies gelingt, spielt die «lokale Organisierung» eine entscheidende Rolle. Lebendige Quartiere, in denen gewohnt, gearbeitet, gegessen und gefeiert wird, sind das Gegenprojekt zu transportintensiver Zentralisierung. Das weiss man nicht nur in Stockholm, sondern auch in der Ostschweiz: Die Aufwertung der bahnhofnahen Areale zu Wohn- und Lebensräumen ist richtigerweise eine der Kernforderungen des dritten Agglomerationsprogramms der Regio-Organisation.
Zum Symbolort – wie in Stockholm vor einigen Jahren der Kampf um Rädda Aspuddsbadet, eine von der Schliessung bedrohte Badeanstalt in einem Vorort – kann in St.Gallen der Güterbahnhof werden. Hier spriesst seit letztem Jahr «Lattich» als soziale und kulturelle Zwischennutzung. Ab 2018 soll sie sich zum Containerdorf auswachsen. Die Zeichen stehen auf Grün – offiziell allerdings nur, bis in etwa 15 Jahren hier der neue Autobahnanschluss gebaut würde. Daran allerdings glauben nur noch die glühendsten Verfechter des Automobilitätsparadigmas (und der sogenannten Mobilitätsinitiative). Für alle anderen ist klar: An dieser Traumlage, bahnnah, zentrumsnah und voll urbaner Aufbruchstimmung, muss gewohnt und gelebt und darf nicht gekarrt und gerast werden.
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