Seit der Erfindung des Buchdrucks 1440 kommt Büchern eine zentrale Bedeutung für das kollektive Gedächtnis der Menschheit zu. Sie dienen der Bewahrung und Vermittlung von Wissen, sie sind Zeitdokumente, Spiegel der Geschichte, eine schier unerschöpfliche und unersetzbare Quelle der Bildung und der Inspiration. Und Bibliotheken sind die Tempel dieses kollektiven Gedächtnisses. Ihre Aufgabe ist es, Bücher zu sammeln und der Bevölkerung zur Verfügung zu stellen.
Im Kanton St.Gallen übernimmt diese Aufgabe aufgrund des gesetzlichen Auftrags in erster Linie die Kantonsbibliothek Vadiana. Seit ihrer Gründung 1551 – damals noch als Stadtbibliothek – ist eine riesige Menge an Medien zusammengekommen: Ende 2024 waren es knapp 840'000, davon über 730’000 Druckschriften, also vor allem Bücher, Zeitungen und Zeitschriften. Die restlichen rund 110’000 sind unter anderem handschriftliche Dokumente, Grafiken, Bilder, Fotografien, audiovisuelle Medien wie Filme oder Tonträger. Aneinandergereiht ergäbe alles eine Länge von über 15 Kilometern.
Doch Aufbewahrung ist das eine, Konservierung das andere. Denn Bücher sind nicht zeitlos, weder inhaltlich noch materiell. Papier, Pergament und Leder sind natürliche Materialien, die endlich sind. Eine wichtige Rolle kommt folglich Buchrestaurator:innen zu. Indem sie Bücher und andere Schriftstücke restaurieren und konservieren, leisten sie einen wichtigen Beitrag, um Wissen über Jahrhunderte zu bewahren und geschichtliche Dokumente zu erhalten.
Flecken des Klebestreifens
In der Vadiana ist hauptsächlich Sabine Scherrer dafür zuständig, das Leben von Büchern und anderen Schriftstücken zu verlängern. Sie ist gelernte Handbuchbinderin, später hat sie Weiterbildungen als Buchrestauratorin absolviert. Seit 15 Jahren arbeitet sie in der Vadiana. Bei ihr in der Buchbinderei im Erdgeschoss des zwischen 1905 und 1907 erstellte Bibliotheksgebäudes treffen laufend neue Exemplare ein, die es zu restaurieren gilt.
Auf der Arbeitsplatte in Scherrers Atelier liegt ein Stapel Papierblätter aus der grafischen Sammlung der Vadiana. Darauf sind alte Bilder, Postkarten oder Zeichnungen aufgeklebt, manche mit Kleister, andere mit Leim, die meisten jedoch mit Klebestreifen, «heute ein No-go», wie Scherrer sagt. Wer schon selbst einmal ein Buch damit geflickt hat, weiss vermutlich aus eigener Erfahrung, wie dieses nach einigen Jahren aussieht: der Klebestreifen löst sich ab und hinterlässt auf dem Papier gelbe Flecken.

Den Klebstoff und dessen Spuren zu beseitigen ist diffiziler, als man meinen könnte, ganz zu schweigen von anderen Restaurationsarbeiten wie der Reparatur zerfledderter Buchrücken, beschädigter Ecken des Deckels, (aus-)gerissener Seiten oder von Tintenfrass, doch dazu später mehr. Je nach Beschaffenheit des Papiers oder Pergaments sowie des verwendeten Klebstoffs muss man anders vorgehen, um die Kleberreste zu entfernen. Für Scherrer ist vieles Routine, doch anhand eines Katalogs von etwa 20 Punkten kann sie die beste Methode ausprobieren. Wichtig sei, beim Restaurieren nicht mehr kaputtzumachen, als schon kaputt ist, und jeden Eingriff so zu erledigen, dass er reversibel ist.
Sünden aus der Vergangenheit
Nach der Restauration kommen die Bilder in neue Stecktaschen aus klebstoff- und säurefreiem Karton mit Magnet-verschluss. Diese wiederum werden, säuberlich geordnet und katalogisiert, in Schachteln versorgt, die Scherrer eigens angefertigt hat – ebenfalls klebstoff- und säurefrei und an die Masse der Schubladen im Magazin angepasst, um sie möglichst platzsparend aufzubewahren. «In diesen Schachteln entsteht mit der Zeit ein Mikroklima, in dem sich die Grafiken perfekt aufbewahren lassen», sagt Scherrer. Klarsichthüllen aus Plastik wären dafür ungeeignet. Zum einen, weil der Kunststoff nach einigen Jahren brüchig wird und ersetzt werden muss, und zum anderen, weil er Weichmacher enthält, die ins Papier eindringen und nur mit entsprechender Laborausrüstung entfernt werden können.
Scherrer führt in den Nebenraum und zeigt auf einen Band einer alten Ostschweizer Tageszeitung, die die Vadiana einst aus dem Archiv der ehemaligen St.Galler Druckerei Zollikofer bekommen hat: Die Säure der Deckel hat viele Seiten angegriffen und verfärbt – ein Schaden, der auf dem dünnen Zeitungspapier kaum oder nur mit enormem und unverhältnismässigem Ressourcenaufwand zu beheben ist. Jahrhundertealtes Pergament sei oft besser als das Papier rund 100-jährigen Zeitungen oder Büchern und deshalb auch einfacher zu restaurieren, sagt Scherrer. «Mit der Industrialisierung entstanden neue Herstellungsverfahren für kostengünstigeres Papier, das aber von minderer Qualität war.» So ist es nicht nur die natürliche Alterung der Materialien, welche eine Restauration notwendig macht, sondern vielfach menschliche Sünden aus der Vergangenheit – falsche Materialien für die Reparatur oder Konservierung, falsche Lagerung und so weiter.

«Jedes Buch hat seine Geschichte, seinen Charakter. Das darf es nicht verlieren.»
Das Ziel sei nicht, dass ein Buch nach der Restauration wie neu aussehe, sagt Scherrer. Zentral sei vielmehr, seinen «Charme» zu erhalten – oder anders gesagt: nur so viel zu machen, wie unbedingt nötig. «Jedes Buch hat seine Geschichte, seinen Charakter. Das darf es nicht verlieren.» Scherrer zeigt im Rara-Magazin einen Kalender von Leonhard Straub, der 1578 die erste Druckerei im Kanton St.Gallen gegründet hatte. Diesen Kalender hat sie kürzlich gereinigt – «aber nur das Notwendigste». Bei der Restauration gehe es also nicht darum, die Eingriffe an den betreffenden Stellen zu kaschieren, etwa wenn ein Buchrücken mit neuem Leder unterlegt wird. «Man darf sehen, was alt ist und was neu.»
Besuch in Hunzenschwil
Besuch beim Atelier Strebel in Hunzenschwil, zwischen Lenzburg und Aarau gelegen. Hier, im ehemaligen Bauernhaus, werden seit 1988 Bücher aus der ganzen Schweiz restauriert – auch aus der Vadiana oder der St.Galler Stiftsbibliothek. Seit der Pensionierung von Martin Strebel im vergangenen Oktober führt Dávid Petró zusammen mit seiner Frau das Atelier, das sieben Restaurator:innen beschäftigt und im Bereich der Konservierung und Restaurierung von Schriftstücken zu einem der grössten der Schweiz zählt. Der gebürtige Ungar ist gelernter Papieringenieur und arbeitet seit 15 Jahren im Betrieb.
Das Atelier Strebel zählt rund 150 Stammkund:innen, etwa 15 davon sind Bibliotheken. Für die Vadiana hat das Atelier Strebel im vergangenen Jahr fünf Werke restauriert, 2022 und 2023 waren es jeweils drei. Die Druck- oder Handschriften, die hierhin kommen, brauchen in der Regel einen Restaurationsaufwand, der die Möglichkeiten in der Buchbinderei der Vadiana übersteigt. Gewisse einfachere Arbeiten, etwa Reinigungen, erledigen die Mitarbeiter:innen manchmal auch bei den Kunden vor Ort. Manche haben quasi einen «Dauerauftrag»: So restauriert das Atelier Strebel bereits seit 25 Jahren Urkunden des Bischöflichen Archivs Chur. «Angefangen haben wir ums Jahr 800, jetzt sind wir etwa bei 1400», sagt Petró.
Auch viele politische Gemeinden oder Kirchgemeinden schicken Schriftstücke hierhin – Gemeinderatsprotokolle, Sterbe- und Taufbücher. Einen Grossteil der Aufträge machen Handschriften aus, sagt Petró. Da es sich in der Regel um Einzelexemplare handle, habe man oft gar keine andere Wahl, als sie restaurieren zu lassen – ein gedrucktes Buch lasse sich eher durch ein anderes Exemplar ersetzen.
Teure Arbeit für kostbare Werke
Das kann ganz schön ins Geld gehen. Durchschnittlich dauert die Restauration eines Werks 25 Arbeitsstunden, Kostenpunkt: mehr als 3000 Franken. Es kann aber noch viel teurer werden: Petró zeigt ein Tauf-, Ehe- und Totenbuch aus den Jahren 1759 bis 1822 einer Gemeinde aus dem Entlebuch. Der Ledereinband ist durchgescheuert, der Buchrücken völlig zerfleddert, ein grosser Teil der Seiten so herausgerissen, dass ein schmaler Streifen im Bund verblieben ist, der Buchschnitt (die drei offenen Seiten des Buchblocks) rundherum voller Risse. Das Buch muss in seine Einzelteile zerlegt, praktisch jede Seite restauriert und mit dem dazugehörigen weggerissenen Streifen verbunden, die Heftbünde erneuert und der Ledereinband repariert werden. Geschätzter Restaurationsaufwand: 130 Stunden – oder rund 16’000 Franken.

(Bild: David Gadze)
Die verwendeten Materialien sind ebenfalls teuer: Japanpapier, das nur 3,7 Gramm pro Quadratmeter wiegt, aber dank der langen Fasern sehr reissfest ist, kostet pro A2-Bogen rund 40 Franken, Pergament bezieht das Atelier Strebel von der Firma William Cowley, die auch die britische Regierung und das Königshaus beliefert. Das britische Parlament schreibt bis heute jeden neuen Gesetzestext auf Pergament nieder.
Eine Gefahr für Bücher sei Schimmel, sagt Petró. «Wenn das Klima nicht stimmt, kann er sich rasch verbreiten und auf andere Bücher übergehen.» In der Werkstatt zeigt er später ein altes Buch der Stadt Neuenburg: Es war vom Schimmel so morsch, dass man darin gar nicht blättern konnte – es zerfiel richtiggehend in den Händen. Jetzt ist das Buch wieder restauriert, doch wo früher der Schimmel war, sind jetzt weisse Flecken.
Alles, war original ist, bleibt erhalten
Auch beim Atelier Strebel gilt die Devise: Alles, was original ist, bleibt erhalten, neue Materialien dienen bloss als Ergänzung der bestehenden, nicht als deren Ersatz. «Wir stellen nicht Fälschungen her», sagt Petró. Mit anderen Worten: Der Text einer beschädigten Handschrift wird nicht nachgeschrieben, neues Leder für den Einband wird zwar in der ursprünglichen Farbe eingefärbt, aber nicht die Prägung oder Vergoldung reproduziert, auch nicht das Siegelbild bei Siegeln von Urkunden, bei denen die fehlenden Teile aus Bienenwachs ersetzt werden. Risse an Seitenrändern, die beim Blättern weiter reissen könnten, werden mit Papierbrei, Japanpapier oder Pergament repariert, Insektenfrasslöcher in den Seiten hingegen nicht. Als Klebstoff kommt häufig Weizenstärkekleister, Gelatine oder Hausenblasenleim zur Anwendung, also natürliche Stoffe, die sich später wieder mühelos ablösen lassen, falls irgendwann eine neue, bessere Restaurationstechnik entdeckt wird, sagt Petró. Zu diesem Zweck wird jede Restauration detailliert dokumentiert, sämtliche Arbeitsschritte und verwendeten Materialien inklusive Herstellern sind exakt festgehalten, dazu gibt es Bilder vom Ursprungsund Endzustand.

«Wir stellen nicht Fälschungen her.»
Der einzige Schaden, den auch die Restaurator:innen des Ateliers Strebel nicht beheben beziehungsweise stoppen können, ist Kupferfrass, also Grünspan, das früher ein weit verbreitetes Grünpigment war – etwa auf Landkarten, aber auch in Handschriften – und das Papier mit der Zeit zersetzt. Tintenfrass – ein ähnliches Phänomen, das oft bei Notenblättern auftritt – lässt sich hingegen chemisch behandeln und stoppen.
Restaurationsbedarf nach Prioritäten
Doch welche Bücher kommen überhaupt in die Restauration? Beim Rundgang durch das Magazin der Vadiana könnte man gefühlt in jedem Regal ein altes Exemplar finden, das eine Auffrischung nötig hat. Die Vadiana führe zwei Listen, sagt Michael Zwicker, Mitarbeiter historische Bestände und Sammlungen. Zum einen habe Martin Strebel 2014 eine Schadensaufnahme der Rara-Bestände, vor allem der Alten Drucke (also mit Druckdatum vor 1800) gemacht und die Objekte in drei Prioritäten unterteilt (sehr schlechter Zustand, kurzfristiger Eingriff nötig; schlechter Zustand, grosse Schäden, Eingriff nötig; kleinere Schäden, noch weitgehend stabil, langfristiger Eingriff sinnvoll). «Zum anderen begegnen uns auch bei der täglichen Arbeit Dokumente mit Schäden, die wir dann in einer Liste aufführen.»

Auf der Grundlage der beiden Listen werde entschieden, was restauriert werde, sagt Zwicker. Dabei spielten verschiedene Überlegungen mit. So gebe es Objekte, die in einem so schlechten Zustand seien, dass sie nur unter grösster Sorgfalt angeschaut werden könnten und die Nutzung daher eingeschränkt werden müsse. Um sie wieder (besser) nutzbar zu machen oder beispielsweise eine Digitalisierung zu ermöglichen, brauche es restauratorische Eingriffe. Unikate wie Handschriften, sehr seltene Objekte oder solche mit St.Galler Bezug hätten Vorrang, sagt Zwicker. Wenn beispielsweise ein Buch antiquarisch noch erhältlich sei, sei es oft die günstigere Variante, dieses einfach zu ersetzen. Daher kämen beispielsweise neuere Bücher, auch wenn sie wichtig seien, kaum in die Restauration.
Sabine Scherrer und Dávid Petró sind sich einig darin, dass sich ihr Beruf aufgrund des technischen Fortschritts in den kommenden Jahrzehnten und Jahrhunderten verändern wird. Und die Digitalisierung alter Schriften werde wohl dazu führen, dass die Abnutzung der Originale geringer ausfallen werde, sagt Scherrer. Aber es werde weiterhin Buchbinder:innen und Restaurator:innen brauchen. «Seit der industriellen Revolution werden diese Berufe totgesagt. Doch bis heute geht es nicht ohne sie.»
Hinter den Kulissen der Vadiana – Führung durchs Bibliotheksgebäude: 3. Juni, 17.15 bis 18.15 Uhr.
Zauber des Originals - Ein Rundgang durch die Historischen Bestände der Kantonsbibliothek Vadiana: 1. April, 17.30 bis 18.30 Uhr, und 5. Juni, 12.15 bis 13.15 Uhr.