Moria brennt – wir haben Platz!
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In der Nacht auf Mittwoch brannten grosse Teile des fünffach überbelegten Flüchtlingslagers Moria auf Lesbos ab. Etwa 13’000 Menschen waren dort untergebracht, tausende sind vor den Flammen geflüchtet und irren nun über die Insel.
Die griechische Regierung geht von Brandstiftung aus. Wie viele Personen verletzt oder getötet wurden, ist noch unklar, es wurde der Notstand ausgerufen.
Bereits am Dienstag kam es zu Unruhen, nachdem bekannt geworden war, dass es im Lager mittlerweile mindestens 35 Corona-Fälle gibt, der erste wurde am 2. September registriert. Moria wurde abgeriegelt und bis 15. September unter Quarantäne gestellt.
Dem Brand waren Proteste gegen die inhumane Unterbringung und Versorgung sowie die unzureichenden Massnahmen zum Schutz vor einer Corona-Ansteckung vorausgegangen.
Es war eine Eskalation mit Ansage. Seit Jahren schon kritisieren Menschenrechtsorganisationen und Aktivistinnen die Zustände in den griechischen Lagern – und die Untätigkeit der Europäischen Union, die sich die Migration mit ihrer «Grenzschutzorganisation» vom Leib halten will.
In den griechischen Lagern – nicht nur in Moria – ist die Lage mehr als dramatisch, nachzulesen unter anderem in diesem Erfahrungsbericht von Jonas Härter von der Baslerisch-St.Gallerischen Organisation aidhoc.
Bern machts vor
Die Stadt Bern hat heute bekannt gegeben, dass sie 20 Geflüchtete aus Moria aufnehmen will. Stadt und Kanton St.Gallen müssen nun nachziehen. Und die EU eine humanitäre Lösung für die Geflüchteten schaffen.
Das fordert das «Kollektiv netter Menschen», das am Mittwochabend um halb sieben zur spontanen Kundgebung am Bahnhofplatz aufgerufen hatte, an der rund 60 Menschen teilnahmen, die allermeisten brav mit Mund- und Nasenschutz, gerne auch mit Sonnenbrille. Man will ja die Gelegenheit nutzen, wenn man sich schonmal vermummen darf.
Der Kurzfristigkeit geschuldet verlasen Moritz Roman Rohner und Lena Werz eine Stellungnahme der Hilfs- und Menschenrechtsorganisation medico interenational.
«Seit Monaten warnen wir vor einem Corona-Ausbruch im Lager», heisst es da. «Wir haben es lange Zeit geschafft, das Virus fern zu halten. Immer wieder haben wir gesagt, dass etwas geschehen muss, damit Corona das Lager nicht doch noch erreicht. Doch die EU hat uns allein gelassen. Nun ist das Virus da, die Covid19-Fälle steigen mit jedem Tag, genauso wie die Angst und die Wut im Lager.»
«Man kann Menschen nicht jahrelang im Dreck leben lassen, ihnen Rechte vorenthalten, sie schliesslich ungeschützt einer Pandemie aussetzen und dann überrascht sein, wenn sie gegen ihre Lebensbedingungen aufbegehren», so medico international weiter.
Dass die Lage derart eskaliere, hätte die EU verhindern können, indem sie sämtliche Risikopatientinnen und Risikopatienten evakuiert und für die verbleibenden Menschen «bessere Bedingungen schafft, bis auch sie das Lager verlassen dürfen».
Die Verantwortung für die Eskalation habe die Europäischen Union. Die EU entziehe sich seit vielen Jahren der Verantwortung für die Menschen an ihren Aussengrenzen, jetzt müsse sie endlich handeln und sofort eine humanitäre Lösung für die Geflüchteten schaffen. «Nach diesem verheerenden Brand darf Europa nicht länger die Augen verschliessen und muss Moria und die anderen Lager auf den griechischen Inseln endlich evakuieren.»
Der Kanton St.Gallen muss jetzt mitziehen
«Und genau gleich wie die EU hat auch die Schweiz ihre Verantwortung in dieser Krise nicht wahrgenommen», ergänzt Moritz Rohner. Die Stadt St.Gallen habe schon vor Monaten signalisiert, dass sie bereit wäre, Menschen aus diesen Lagern aufzunehmen (nachzulesen unter anderem auf Seite 6 in diesem Dossier) – der Kanton müsse nun mitziehen.
«Wir fordern Stadt und Kanton auf, Menschen direkt aus diesen Lagern zu evakuieren», sagt Rohner. «Es muss etwas geschehen, die Leute sterben da oder Leben im grössten Elend – Hoch die internationale Solidarität!»
Um diesen Forderungen Nachdruck zu verleihen, hat die «Aktion solidarisches St.Gallen» eine Petition lanciert. Die Demo war kurzfristig bewilligt worden, wie das «Kollektiv netter Menschen» vermeldet, und sie verlief friedlich.