Marlene Streeruwitz im Raum für Literatur
Sie ist eine der sprachmächtigsten Kritikerinnen der Gegenwart: Marlene Streeruwitz, Autorin aus Wien, liest nächsten Mittwoch in St.Gallen aus ihrem neusten Roman «Tage im Mai».
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Das österreichische Magazin «Profil» apostrophierte Marlene Streeruwitz neulich als «Empörungsautorin» – und meinte das nicht nett. Wie bitte? Haben wir nicht alle applaudiert, als Stéphane Hessel sein Empört euch! in die Welt hinausrief? Vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen in der Résistance kritisierte er damals aktuelle politische Verwerfungen.
Auch Marlene Streeruwitz, 72, Tochter eines Kriegsversehrten, empört sich. Über die Fortsetzung des Kriegs mit anderen Mitteln: über die patriarchale Gesellschaft, über den neuen Faschismus in der Politik, über menschenverachtende Sprache.
An die Schmerzgrenze
Zum Glück empört sich eine wie die Streeruwitz, denn aus ihrer messerscharfen Beobachtung all dieser Zumutungen unserer Gegenwart wird Literatur. Sie arbeitet sich nicht am Schöngeistigen ab, sondern geht an die Schmerzgrenze. Immer wieder. Nicht zuletzt mit ihren Sätzen, die wie gemeisselt dastehen. Kurz sind sie und oft grammatisch unvollständig. Beim Lesen dieser Texte stockt der Atem, und das mit Absicht.
Marlene Streeruwitz:
8. Februar, 19.30 Uhr, Raum für Literatur, Hauptpost St.Gallen. Moderation: Shantala Hummeler
Eine Gegenwartsautorin im besten Sinn also ist Marlene Streeruwitz. Sie lebt in Wien, hat zahlreiche Bücher, Essays und Theaterstücke verfasst. Von März bis Juni 2020 schrieb sie wöchentlich einen Text über die Pandemie für ihre Webseite, daraus entstand das Buch So ist die Welt geworden. Ihre Gedanken führten vom «Massentest» zum Vieh und von der «Hygiene» zu den Nürnberger Rassengesetzen.
2022 ist unter dem Eindruck des russischen Einmarschs in der Ukraine ihr Handbuch gegen den Krieg erschienen, in dem sie aufzeigt, wie Friede das Modell für die Lebensführung sein muss.
Wem ist zu trauen?
Und wie kann man jetzt nach Lockdown und Kriegsausbruch noch leben? Danach fragt der soeben erschienene Roman Tage im Mai, mit dem Marlene Streeruwitz auf Einladung des Literaturhauses St.Gallen in den Raum für Literatur kommt.
Im Zentrum stehen eine Mutter und ihre Tochter, beide durch die Krise in eine persönliche Krise gerutscht. Alte Gewissheiten sind eingestürzt, die Jugend sieht keine Zukunft. Was ist verlässlich und wem ist zu trauen in diesem Panoptikum von Veganerinnen, Verschwörungstheoretikern, Klimaaktivistinnen, Gender-Fluiden etc. pp.?
«Diesen Roman müsste man gleich mit Dutzenden Triggerwarnungen versehen», schreibt Paul Jandl in seiner Rezension in der NZZ. Politisch korrekt kann so ein Buch nicht sein. Es schaut auf unsere Gegenwart – und, Zitat aus dem Buch: «Ich bekomme gar keine Luft vor Empörung.»