Künstlerische Auseinandersetzung mit Überwachung

In seiner Ausstellung «Surveillance» verhandelt Constantin Vilsmeier kritisch die systematische Überwachung unserer Gesellschaft. Sie löst Unbehagen aus und regt zum Nachdenken an. von Vera Zatti
Von  Gastbeitrag
Die Ausstellung «Surveillance» in einer Lagerhalle an der Grütlistrasse. (Bild: Florine Nüesch)

Vier grosse, rechteckige Korpusse ragen in die kahle Halle. Sie zerteilen den Raum und führen gleichzeitig seine Ästhetik fort: schwarz, grau, weiss. Hier, in einer Lagerhalle an der Grütlistrasse im St.Galler Neudorf-Quartier, zeigt der Künstler Constantin Vilsmeier seine Werke. In der Ausstellung «Surveillance» verarbeitet der gebürtige St.Galler mit analogen und digitalen Methoden Überwachungsaufnahmen von Kriegsdrohnen, Satellitenbildern oder Wikileaks-Enthüllungen: die Uiguren-Camps, die Gitmo-Files, die Massenüberwachung Skynet in China. Leuchtend stehen diese Aufnahmen im Raum, dunkle Formen gleiten rastlos auf ihnen hinweg. Nur undeutlich lassen sich schemenhafte Umrisse erhaschen.

Vom Schutz- zum Kontrollinstrument

Constantin Vilsmeier setzt sich in seiner Ausstellung kritisch mit modernen Überwachungssystemen auseinander. Ursprünglich als Schutzinstrument vor Kriminalität oder Terrorismus proklamiert, dient Überwachung heute zunehmend der Kontrolle und Regulierung. Systematisch werden täglich unzählige Daten generiert, gesammelt und ausgewertet.

Unsichtbare Überwachungsinstanzen steuern diese Prozesse. Sie allein entscheiden, für welche Handlungen sie das durch Überwachung gewonnene Wissen nutzen. Sie allein entscheiden, wie sie diese Informationen interpretieren. Sie allein entscheiden, ob und mit wem sie dieses Wissen teilen. Dabei greifen sowohl staatliche Institutionen als auch private Unternehmen auf Überwachungssysteme zurück, regulatorische Massnahmen gibt es kaum.

Der gläserne Mensch

Bestandteil der überwachten Masse ist auch das einzelne Subjekt. Als Teil unserer Gesellschaft werden wir alle ständig überwacht – oft ohne unser Einverständnis und ohne uns dessen wirklich bewusst zu sein. Mit jeder Nachricht, jedem Like, jedem Klick und jedem vom Handy getrackten Schritt geben wir Informationen preis und werden transparenter. Wir generieren unzählige Daten, die von unsichtbar überwachenden Instanzen verwertet werden. Diesen ununterbrochenen Datenstrom greift Vilsmeier in seiner Inszenierung subtil auf und gibt ihm durch unzählige Punkte eine Form. Omnipräsent und doch fast unbemerkt, tanzen die Punkte sphärisch in den Werken.

Mit den Punkten wird die eigene Überwachung plötzlich sichtbar. Unbehagen macht sich breit, wenn man sich der eigenen Transparenz bewusst wird. Wir können uns der Überwachung nicht entziehen – auch nicht in Vilsmeiers Installationen. Hier werden wir plötzlich selbst zum Teil der Ausstellung, unbewusst und ohne Zustimmung. Unser Betrachten mutiert zur Überwachung. Wir finden uns selbst vor flimmernden Bildschirmen, starren auf unzählige Datenpunkte und interpretieren sie. In diesem Moment sind wir gleichzeitig Überwachende und Überwachte.

 

«Surveillance» ist die zweite Einzelausstellung des in St.Gallen geborenen Künstlers Constantin Vilsmeier. Die von Paula Knill kuratierte Ausstellung ist bis 16. November 2024 jeweils freitags von 18 bis 20 Uhr in der Lagerhalle – Grütlistrasse an der Grütlistrasse 1 in St.Gallen zu sehen.

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