Knowhow überflüssig?

Mit einem hauseigenen Männer-Gremium, mehrheitlich Laien und ohne aussenstehende Fachperson, geht das Theater St.Gallen auf die Suche nach einem neuen Schauspielchef. Kommt das gut?
Von  Peter Surber

Das Theater St.Gallen braucht einen neuen Leiter der Schauspielsparte. Tim Kramer verlässt das Haus am Ende der Spielzeit 2015/16, nach dannzumal neun Jahren. Ein «natürlicher Abgang», heisst es beim Theater, und in der Tat sind neun Jahre eine gute Zeitspanne, einem Ort künstlerisch sein Profil zu geben – was Kramer auch getan hat.

Die Stelle wurde neu ausgeschrieben, mit Bewerbungsfrist bis am 31. Oktober 2014: «Gesucht wird eine kommunikative Persönlichkeit mit Regieerfahrung und herausragender fachlicher und persönlicher Befähigung für die künstlerische Leitung des Sprechtheaters sowie für die Mitwirkung in der Gesamtleitung des Theaters. Erwartet werden anerkannte Regieleistungen, Erfahrungen in der Führung eines Schauspielensembles sowie die Überzeugung, dass nebst der Pflege der Klassik auch Neues, Unbekanntes in ungewohnter Form entsprechenden Raum benötigt».

Für die Suche ist wie üblich eine Findungskommission eingesetzt worden. Sie besteht aus folgenden Verwaltungsräten der Genossenschaft Theater St.Gallen: Erich Walser, CEO Helvetia Versicherung (Vorsitz), Andreas Haerter, Germanist und Titularprofessor an der HSG, Martin Klöti, Regierungsrat, Matthias Städeli, Jurist sowie Werner Signer, Theaterdirektor.

Eine geballte Ladung politisches, juristisches, ökonomisches, literaturgeschichtliches und männliches Knowhow – ob das reicht? Ob keine Frau zu finden war? Wo die Kenntnisse der Theaterpraktiker bleiben? Wie eine solche Wahl ohne jede Aussenperspektive gelingen soll, wo sonst das «Auge von aussen» bei Theaterproduktionen unverzichtbar ist? Wer überhaupt Lust hat, sich diesem Gremium von (zumindest zu drei Fünfteln) theaterfreudigen Laien zu stellen?

Vorderhand kratzt man sich verwundert am Kopf ob soviel st.gallischem Selbstbewusstsein. Und tröstet sich allenfalls damit: Bei Tim Kramer ist es damals, unter ähnlichen Findungsvoraussetzungen, nicht schlecht herausgekommen.

Bild: Tine Edel

Dieser Kommentar erschien im Novemberheft von Saiten.