In die Schwarz-Weiss-Falle getanzt

Der neue St.Galler Tanzchef Kinsun Chan debütiert mit «Coal, Ashes and Light» im Grossen Haus. Statt Polaritäten bedient das Stück von Schwarz über Grau bis Weiss Konventionen und Klischees. Am Samstag war Premiere.
Von  Peter Surber

Das Streichquartett hämmert motorisch, auf der Bühne schuftet ein schwarzgekleideter Trupp namenloser Arbeiter oder Krieger, mit blossem Oberkörper die Männer, mit blossem Rücken die Frauen, gebückt, gebeutelt, getrieben vom unerbittlichen Rhythmus. Dann wird der Trupp zum Team, aus dem engen Körpergeflecht schiebt sich ein Körper hoch, crowdsurft über den Köpfen, ein zweiter kommt hinzu, eine kurze schwebende Begegnung. Dazwischen Duos und Trios, mal proletarisch gestampft, mal höfisch geziert.

Emily Pak, Guang-Xuan Chen. (Bilder: Gregory Batardon)

Am Ende des «schwarzen» ersten Teils der Trilogie treffen sich Mann und Frau zärtlich und schmerzlich, während der Tanzboden als Wand hochfährt und die Bühne engmacht. Es sind einprägsame, wenn auch konventionelle Bilder, die Kinsun Chan für den ersten Teil seiner Trilogie findet.

Edle Finsternis

Die «Kohle», die dem Teil eins den Titel gibt, wird abgelöst von der «Asche», dann im dritten Teil vom «Licht». Für seinen ersten Abend im Grossen Haus zeichnet der neue Tanzchef Kinsun Chan für Choreografie und Ausstattung allein verantwortlich. Und er setzt sich ein Thema, das die Fallen gleich mitliefert, erst recht in der gewählten Reihenfolge: zuerst Schwarz, das Bedrohliche, Finstere, Machtvolle – dann Grau, die Zwischentöne, mal geliebt, mal gehasst – schliesslich Weiss, das Festliche, Reine, Unschuldige. Die Musik spielt zuerst unten, dann in der Mitte, schliesslich oben.

Das Denken in Schwarzweiss ist bekanntlich so fatal wie beliebt, so trivial wie unerschöpflich – der Mensch will vom Dunkel ins Licht. «Per aspera ad astra», durch Mühsal zu den Sternen: Die vom Philosophen Seneca geprägte Formel haben sich pikanterweise die Royal Air Force oder die Macher der «Star Trek»-Serie zum Motto gewählt. Dazu passte im ersten Teil des Abends die Musik: Der polnische Neoromantiker Henryk Mikolaj Gorecki hat 1990/91 mit seinem zweiten Streichquartett (unsichtbar gespielt vom Galatea Quartett) eine Überwältigungsmusik geschrieben, die auch den Soundtrack für Truppenaufmärsche oder Hollywoodfilme abgeben könnte.

Lorian Mader, Swane Küpper.

Höfische Pracht und Mode habe ihn rund um die Farbe Schwarz inspiriert, sagt Kinsun Chan im Programmheft. Das spürt man, im dunklen ersten Teil ebenso wie den ganzen Abend durch: Die Ausstattung ist von ausgesuchter Eleganz, das Bewegungsrepertoire kontrolliert, die Formensprache gepflegt. Noch die grabschwarze Unterwelt ist hoch ästhetisch und leicht eingenebelt.

Ort- und zeitlose Grautöne

Im «grauen» zweiten Kapitel ist die 16-köpfige Kompanie vorerst unauffindbar. Sechzehn Quader im Betongrau des Theaterbaus blockieren die Bühne. Dahinter tauchen unvermittelt Hände auf wie Echsen, dann Köpfe, schliesslich beginnen die Quader lebendig zu werden, entpuppen sich als weite Beinkleider der Tänzerinnen und Tänzer. Im Hintergrund sirrt der metallische Aschesprühregen, den Perkussionist Fritz Hauser auf dem Nicaphone produziert.

Der humorvolle Auftakt zeigt eine Qualität des Choreografen und Ausstatters Kinsun Chan: den Blick für Raumformen und den Sinn für Witz. Den holt allerdings rasch der graue Alltag ein: In Reih und Glied marschiert die Kompanie auf, gewappnet mit langen Metallstäben, mit denen sie minutiöse Wellenbewegungen quer über die Bühne zeichnet. Dann findet sie ihr Opfer: Tänzerin Pamela Campos, die sich wie ein Winkelried mit blossem Oberkörper in die Stäbe stürzt, erst balanciert und dann über die Bühne geschleift wird.

Pamela Campos und die Tanzkompanie.

Was in dieser Szene passiert, ist in gutem Sinn verrätselt, hat aber einen fahlen Geschmack von männlichem Machtgehabe. Und bleibt im schlechten Sinn ohne Ort, Zeit oder Grund, geschichtsvergessen und folgenlos – eine Kritik, die erst recht für Teil drei gilt.

Hochglanz-Hochzeits-Weiss

Jetzt, nach der Pause, ist eine weisse Wand da und ein schöner Körper und Barockmusik. Die Wand dreht sich, hoch oben auf einem Podest spielt Pianistin Tiffany Butt in weissem Galakleid am weissen Flügel Bach und Keith Jarrett. Unter ihr postiert sich die weiss gewandete Kompagnie ihrerseits auf Podesten, die Bühne dreht, das Ensemble probt Pantomimen und Formationen, auch eine Prise Spitzentanz gehört dazu. Die «Tagblatt»-Rezension findet das passende Wort: die Bühne als Hochzeitstorte.

Man glaubt an Ironie und wartet darauf, dass ein Kohlebrocken oder ein Ascheregen über diese Hochglanz-Schöner-Wohnen-Posterwelt niedergeht. Aber man wartet vergeblich. Kinsun Chans gleissend weisses  «Light» leuchtet unhinterfragt für die geschmeidigen Körper der Happy Few dieser Welt, unverknüpft mit dem Hochglanzschwarz und dem Hochglanzgrau der ersten beiden Teile. Dafür gabs an der Premiere eine Standing Ovation für den Tanzchef und Bravos für die Kompagnie und die Musiker.

Nächste Vorstellungen: 29. Januar, 5. Februar, Theater St.Gallen

theatersg.ch

Was der Abend leistet: Er gibt dem neuen jungen Ensemble allerhand Gelegenheit, sich zu präsentieren und in rasch wechselnden Formationen eine gemeinsame Sprache zu finden. Was er hingegen verpasst, ist, über die formalen Setzungen und Etüden, über das blosse ästhetische Interesse hinaus eine Haltung zu finden zu den Polaritäten und Zwischentönen zwischen Schwarz und Weiss.

Ein weites Feld – verschenkt

Das Feld wäre unerschöpflich. Es muss nicht gerade (aber es könnte, zumal am 75. Gedenktag der Befreiung von Auschwitz-Birkenau) die Lyrik eines Paul Celan sein, das Ungeheuerliche der «schwarzen Milch», das «aschene Haar» der Sulamith in seiner Todesfuge, das Wissen um die Gefahrenzone zwischen Weiss und Wissen. Es könnte, aus ganz anderen Quellen geschöpft, die Nähe von Grau und Grauen sein. Der Konflikt zwischen Black Power und weissen Herrschaftsansprüchen… Blackfacing… Schwarze und weisse Magie… Kohle und Klima…

Dass im Yin stets das Yang und im Yang immer auch Yin enthalten ist, hat sich inzwischen sogar im Westen herumgesprochen. Dieser Realität, der Komplexität des Themas und der Gegenwart ausserhalb der Theatermauern bleibt Kinsun Chan allzu viel schuldig – individuell wie gesellschaftlich. 2020 geht die Welt zum Glück nicht einmal für die gedankenlosesten Zeitgenossen so bruchlos Weiss in Weiss auf wie das Schlussbild auf der St.Galler Bühne.

Tänzerinnen und Tänzer: Pamela Campos, Sami Charfeddine, Guang-Xuan Chen, Bérénice Durozey, Manuel Fernandez Zunino, Stefanie Fischer, Samory Fury, Swane Küpper, Mei-Yun Lu, Lorian Mader, Naiara Silva de Matos, Lena Obluska, Florent Operto, Emily Pak, Chen-Chiang Wu, Minghao Zhao.