Gradhebe mit Paul Giger

Für den berührendsten Moment sorgte der Preisträger selber: Paul Giger nahm nach seiner Dankesrede die Geige zur Hand und brachte das versammelte rund 400-köpfige Publikum zum Gradhebe: mitzusingen oder -summen zu seinem Zäuerli. Keine Show, sondern verinnerlichte Konzentration, das Hinhören auf leise, wie hingetupfte Töne und Obertöne: Solche Volksmusik von der alles andere als hemdsärmligen Art war und ist typisch für das Schaffen des 1952 geborenen Musikers.
Paul Gigers vielfältige Tätigkeit zwischen Volksmusik und Klassik, fernöstlichen und nahöstlichen und appenzellischen Klängen, zwischen Avantgarde und Mittelalter würdigte Kjell Keller, langjähriger Musikredaktor bei Radio DRS, in acht Punkten. Dazu gehörten «Stille und Pausen», Musik und Tanz, Instrumental- und Chormusik, dazu gehörte J.S. Bach, dazu gehörte aber auch der Pädagoge, der Geigenlehrer an der Kantonsschule Trogen, der die Musik als «universelle Disziplin» jenseits allen Fachidiotentums zu vermitteln versucht.
Mit Musikbeispielen zeigte Keller auf, wie Gigers Musik aus der Improvisation entsteht, wie fragil sie sich zwischen Klang und Stille bewegt und wie sehr sie von einer spirituellen Grundhaltung geprägt ist. Als sein Credo hat Giger einmal formuliert: «Resonanzkörper des schöpferischen Prinzips» zu sein.
Der abtretende Kulturdirektor Regierungsrat Jürg Wernli würdigte Giger als Künstler, der Brücken zwischen den Kulturen schlage und dem herausragende Beiträge an ein lebendiges Kulturleben im Kanton zu verdanken seien. Den Brückenschlag konkret verkörperten die eingeladenen Musiker: Udai Mazumdar, Tabla, und Siddharta Krishna, Sitar, spielten klassische indische Musik und füllten die «Rechtobler» Kirche mit einem Feuerwerk an Obertönen und Polyrhythmen. Das weckte die Erinnerung an Gigers jugendlichen Asientrip Anfang der Siebzigerjahre – jene Reise, die er als junger «Hippie» unternommen habe und auf der ihm klargeworden sei, dass er «mit der Geige durchs Leben gehen» wolle, wie Giger erzählte.
Den Preis empfinde er für sich selber «fasch echli overschamt», sagte Giger, weil ihm im Leben so vieles zugeflogen sei. Konsequenterweise widmete er den Preis dann in ungefähr dieser Reihenfolge seinen Vorfahren und Eltern, der Familie, Freunden und Freundinnen, Mitmusikern, Gönnern, Lehrmeistern, Instrumentenbauern, den Nachbarn, all jenen, die sich von Musik berühren liesssen, und schliesslich: den Frauen, für ihn «Grundton und Fundament» des Lebens, und insbesondere den indischen Frauen, die einen schweren Stand in der Gesellschaft hätten.
Der mit 25’000 Franken dotierte Preis wird ungefähr im Dreijahresrhythmus an herausragende Künstlerpersönlichkeiten verliehen. Bisherige Preisträger waren der Musiker Noldi Alder, der Künstler Hans Schweizer und die Denkmalpflegerin Rosmarie Nüesch.
Bilder: Hannes Thalmann