Fressende Hunde beissen

Die Anwältin und der Hund (Bild: Filmstil Le Procès du chien)

Die Schauspielerin Laetitia Dosch hat mit ihrem Regieerstling einen Gerichtsfilm der besonderen Art geschaffen. Le Procès du chien ist eine Komödie um Tierrechte und Feminismus – mit eigenwilligem Humor: mal originell und manchmal auch auf den Hund gekommen.

Seit zwei Jahr­zehn­ten ist die 1980 in Pa­ris ge­bo­re­ne Lae­ti­tia Dosch in Frank­reich und in der Ro­man­die als Schau­spie­le­rin be­kannt. Mit­un­ter hat sie in Ca­the­ri­ne Cor­si­nis La bel­le sai­son, Guil­laume Se­ne­z' Kee­per oder Fré­dé­ric Mer­mouds Com­pli­ces mit­ge­spielt.

Mit Le Pro­cès du chien hat sie nun erst­mals in die Re­gie ge­wech­selt und als Co-Au­torin auch das Dreh­buch für die­sen tie­ri­schen Spass der et­was chao­ti­schen Art mit­ver­fasst. Aus­ser­dem spielt sie sel­ber die Haupt­rol­le, die von Avril, der An­wäl­tin für schwie­ri­ge Fäl­le. Ei­gent­li­cher Prot­ago­nist ist aber der Hund Cos­mos. Im rea­len Le­ben ein strup­pi­ger Zir­kus­hund, steht er nun als An­ge­klag­ter vor Ge­richt. Da­bei weiss man oft nicht so recht, wann der Spass en­det und wann es ernst wird.

Frau­en­beis­sen­der Hund

So ent­spinnt sich bei­spiels­wei­se zu Be­ginn des Films ein Dis­put zwi­schen der An­wäl­tin Avril und dem Klä­ger. Es geht um die Fra­ge, ob es sich beim Hund um ei­ne Sa­che oder ein Le­be­we­sen han­delt. Die An­wäl­tin führt aus, dass im vor­letz­ten Jahr­hun­dert ja auch Skla­ven als Sa­chen ge­gol­ten, sich aber seit­her die Welt und die Ge­set­ze ver­än­dert hät­ten. 

In ers­ter In­stanz lau­tet das Ur­teil des Rich­ters: Ein­schlä­fe­rung, Eu­tha­na­sie. Denn das De­likt des Hun­des schien ein­deu­tig: Er hat­te drei­mal zu­ge­bis­sen. Und hier kommt die fe­mi­nis­ti­sche Kom­po­nen­te ins Spiel, denn al­le Op­fer wa­ren Frau­en. Das letz­te Op­fer, die jun­ge Por­tu­gie­sin Lo­re­ne, beim Be­sit­zer des Hun­des als Haus­halts­hil­fe tä­tig, wur­de da­bei im Ge­sicht ver­letzt. So schwer, dass da­durch ihr Äus­se­res ent­stellt wur­de und sie vor Ge­richt stets mit me­di­zi­ni­scher Mas­ke auf­tritt.

Mit ih­rem Plä­doy­er kann Avril das Ge­richt im­mer­hin zum Auf­schub des To­des­ur­teils für Cos­mos über­zeu­gen. Das bis­si­ge Tier soll be­gut­ach­tet und tem­po­rär in die Ob­hut von Ver­hal­tens­trai­ner Marc ge­nom­men wer­den. Die­ser soll vor al­lem her­aus­fin­den, war­um es das Tier in sei­nen Beiss­at­ta­cken im­mer auf weib­li­che Op­fer ab­ge­se­hen hat. 

In die­ser Hin­sicht nimmt Le Pro­cès de chien un­ver­hoh­len ein Stück weit An­lei­hen bei dem be­rühm­ten und ver­stö­ren­den «Hun­de­film» White Dog von Sa­mu­el Ful­ler aus dem Jahr 1982. Dar­in geht es um ei­nen im­po­san­ten weis­sen Vier­bei­ner, der von sei­nem frü­he­ren Be­sit­zer da­zu ab­ge­rich­tet wur­de, Schwar­ze an­zu­fal­len und zu tö­ten. Auch hier tritt dann ein Schwar­zer Hun­de­trai­ner auf den Plan und ver­sucht, das Tier um­zu­pro­gram­mie­ren – mit zwei­fel­haf­tem Er­folg.

Es pas­siert im Wald

Bei Le Pro­cès du chien för­dert die Ur­sa­chen­for­schung für das hün­di­sche Fehl­ver­hal­ten dann zu­nächst ei­ne ba­na­le Tat­sa­che zu Ta­ge: Man strei­chelt kei­nen Hund, wenn er frisst. Ver­hal­tens­trai­ner Marc glaubt dann aber auch noch her­aus­ge­fun­den zu ha­ben, dass Hun­de, die beis­sen, wenn sie ge­strei­chelt wer­den, dies häu­fi­ger bei Frau­en als bei Män­nern tun. Dies des­halb, weil Frau­en, im Ge­gen­satz zu Män­nern, da­zu meist in die Knie gin­gen. Und die­se Hal­tung wie­der­um wer­de vom Hund da­hin­ge­hend ge­deu­tet, dass ihm die­ser Mensch in dem Mo­ment nicht mehr über­le­gen sei und er un­ge­straft zu­beis­sen kön­ne.

«Das ist frau­en­feind­lich», schreit Avril, doch es hilft nichts: Draus­sen vor dem Ge­richts­ge­bäu­de hat sich be­reits ei­ne Kund­ge­bung for­miert. Hun­der­te wü­ten­der Frau­en so­li­da­ri­sie­ren sich mit Lo­re­ne, der ar­men por­tu­gie­si­schen Putz­frau und for­dern ih­rer­seits mit Sprech­chö­ren und Trans­pa­ren­ten: «Mort au chien miso­gy­ne!»

Doch Avril gibt nicht auf. Sie kann Marc über­re­den, Cos­mos für ei­nen Tag aus sei­ner Ob­hut zu ent­las­sen, auf dass sie dem Tier sei­ne frau­en­feind­li­chen Re­fle­xe ab­trai­nie­re. Mit dem man­tra­mäs­sig wie­der­hol­ten Drei­klang: Frau – Fut­ter – Strei­cheln, geht sie mit Cos­mos in den Wald. Doch da bricht, oh Wun­der, die wöl­fi­sche Na­tur aus dem Hund und der Film war­tet hier mit sei­nen – im wört­li­chen Sinn – pa­ckends­ten Sze­nen auf. Wie­der ein­mal hat man den Ein­druck, Lae­ti­tia Dosch mei­ne es ganz ernst.

Ein an­stren­gen­des Ver­gnü­gen

«Je su­is Cos­mos» steht in rie­si­gen Let­tern an ei­ne Mau­er ge­malt, als Avril mit Cos­mos vom Wald zu­rück­kommt. Und jetzt tre­ten auch die so­zia­len Me­di­en in Ak­ti­on. In ei­nem Post wird Lo­re­ne als Fa­schis­tin be­schimpft und in ei­nem an­dern steht: «Avril = Avo­cat pour mer­de de chien.» 

Und als Hö­he­punkt des me­dia­len Has­ses er­hält die An­wäl­tin ei­ne por­no­gra­fi­sche Fo­to­mon­ta­ge «Sex and the Dog­gy» be­ti­telt. Ei­ne Zo­te wie die­se lei­tet dann bald ein­mal über zu ei­nem er­folg­rei­chen An­nä­he­rungs­ver­such von Marc an Avril und der er­klärt ihr im ent­schei­den­den Mo­ment, dass es bei den Wöl­fen so sei, dass nur do­mi­nan­te Tie­re Lie­be mach­ten.

Die­ses be­stän­di­ge Pen­deln zwi­schen Kla­mauk und ernst­haf­tem, aber meist furcht­bar ge­schwät­zig Vor­ge­tra­ge­nem macht Le Pro­cès du chien zu ei­nem et­was an­stren­gen­den Ver­gnü­gen, das ei­nen teil­wei­se rat­los zu­rück­lässt. 

Viel­leicht mag das auch die Ju­ry in Can­nes so ge­se­hen ha­ben. Der Film er­hielt 2024 bei sei­ner Welt­pre­mie­re in der Sek­ti­on «Un cer­tain re­gard» zwar kei­nen of­fi­zi­el­len Preis, sein tie­ri­scher Prot­ago­nist aber ei­nen «Palm Dog Award».

Le Pro­cès du chien: 3. April, 18.40 Uhr, Ki­nok, St.Gal­len. Wei­te­re Vor­stel­lun­gen im April

ki­nok.ch