Experimentieren im Baudenkmal

Das Werkhaus Freisitz in Tägerschen pflegt das Historische und sucht auf dieser Basis nach Lösungen für die Zukunft – interdisziplinär und überregional. 

Die­ses Haus ist ei­ne Mo­gel­pa­ckung im bes­ten Sinn. Auf den ers­ten Blick kä­me man nie auf die Idee, dass der hell ver­putz­te Bau mit der teil­ge­schin­del­ten West­sei­te an der Münchwi­ler­stras­se in Tä­ger­schen fast 600 Jah­re alt ist, oder zu­min­dest der Gross­teil da­von. Be­tritt man das statt­li­che Ge­bäu­de, wird aber schnell klar: Hier lebt die Ver­gan­gen­heit in je­der Rit­ze, hin­ter je­der Farb­schicht, un­ter je­dem Bal­ken. Und doch ist es ein Haus für die Zu­kunft. 

Er­stellt wur­de der Frei­sitz Tä­ger­schen um 1438 als drei­ge­schos­si­ger Spei­cher­bau. Das hat ei­ne den­dro­chro­no­lo­gi­sche Da­tie­rung er­ge­ben, so nennt man die Al­ters­be­stim­mung an­hand der Baum­rin­ge. Im 17. Jahr­hun­dert wur­de er zu ei­nem Wohn­haus im Ba­rock­stil um­ge­baut und mit ei­nem West­an­bau er­wei­tert. Ver­voll­stän­digt wur­de das En­sem­ble mit ei­ner Ka­pel­le und ei­ner Müh­le. Bis 1871 dien­te es als Statt­hal­te­rei und Ge­richts­ge­bäu­de des Thur­gau­er Be­zirks To­bel. Im 19. Jahr­hun­dert wur­de dar­aus ei­ne Sti­cke­rei, spä­ter bau­te man ei­ne Sen­ne­rei ein – bei­de hat­ten mäs­sig Er­folg. 

2013 hat die Denk­mal Stif­tung Thur­gau die his­to­risch be­deu­ten­de Lie­gen­schaft mit Hil­fe von Kan­ton und Ge­mein­de ge­kauft. Sie soll­te der Spe­ku­la­ti­on ent­zo­gen und wie­der nutz­bar ge­macht wer­den. In den fol­gen­den Jah­ren wur­den Aus­sen­hül­le, Dach und sta­ti­sche Ele­men­te auf­wän­dig re­stau­riert. Seit 2023 ist der Ver­ein Werk­haus Frei­sitz für die Nut­zung und den Be­trieb des Erd­ge­schos­ses und des ers­ten Ober­ge­schos­ses ver­ant­wort­lich. Die Vi­si­on: Das Werk­haus soll zum über­re­gio­na­len Zen­trum für hoch­wer­ti­ges und ex­pe­ri­men­tel­les Hand­werk wer­den.

Al­le sol­len nä­her zu­sam­men­rü­cken

Am ers­ten März­sams­tag bläst der Wind noch ei­sig ums Haus. Drin­nen sor­gen mo­bi­le Heiz­kör­per für et­was Wär­me, in der al­ten Kü­che knis­tert ein Feu­er. In der gros­sen Wohn­stu­be ne­ben­an fin­det gleich ei­ne Buch­prä­sen­ta­ti­on statt, pas­send zum Ort: Farb­kul­tur und Hand­werk in Schwei­zer Re­gio­nen. 

Die Re­stau­ra­to­rin Do­ris War­ger und der pen­sio­nier­te Ma­ler­meis­ter Mar­tin Vock vom Ver­ein Werk­haus Frei­sitz sit­zen mit dem Ar­chi­tek­ten Ueli Wep­fer von der Denk­mal Stif­tung Thur­gau am weiss ge­deck­ten Tisch und be­spre­chen die letz­ten De­tails. Sie sind ein ein­ge­spiel­tes Team. Im Werk­haus fin­den re­gel­mäs­sig An­läs­se statt; vom Fach­dia­log am Mit­tags­tisch über Wei­ter­bil­dungs­ta­ge für Hand­wer­ker:in­nen bis zum mehr­tä­gi­gen Work­shop für Ler­nen­de. So­gar woh­nen kann man hier bald tem­po­rär. 

Das Bau­hand­werk hat Zu­kunft. Gip­ser:in­nen, Zim­mer­leu­te, Ma­ler:in­nen – die gu­te al­te Hand­ar­beit bleibt auch im Zeit­al­ter der Künst­li­chen In­tel­li­genz ge­sucht. Be­son­ders in der Ost­schweiz sei die Bran­che stark und kom­pe­tent, er­klä­ren Wep­fer, Vock und War­ger. Und an­ders als in an­de­ren Be­rufs­fel­dern ge­he der Trend in der Bau­bran­che auch nicht wei­ter Rich­tung Aka­de­mi­sie­rung. «Im Ge­gen­teil», sagt Ar­chi­tekt Wep­fer. «Die Aka­de­mien kom­men eher wie­der nä­her zum Hand­werk. An den Fach­hoch­schu­len der Re­gi­on legt man sehr gros­sen Wert auf die hand­werk­li­che Pra­xis. In St. Gal­len et­wa nut­zen die Ler­nen­den in der Ar­chi­tek­tur-Werk­statt im ers­ten Jahr kaum je ei­nen Com­pu­ter. Statt­des­sen ler­nen sie hand­werk­li­che Tech­ni­ken und Ma­te­ria­li­en von Grund auf ken­nen.» 

Auch In­ter­dis­zi­pli­na­ri­tät ist in den Bau­be­ru­fen ein wach­sen­des The­ma. Dem will das Werk­haus mit der Walz 4.0 Rech­nung tra­gen, ei­nem grenz­über­schrei­ten­den Bil­dungs­pro­gramm in Zu­sam­men­ar­beit mit der Hoch­schu­le HTWG Kon­stanz. Ziel ist es, Hand­werk, Ar­chi­tek­tur und In­ge­nieur­we­sen nä­her zu­sam­men­zu­brin­gen. Die Mi­schung aus tra­di­tio­nel­lem Hand­werk, di­gi­ta­len Tech­no­lo­gien und ex­pe­ri­men­tel­len Prak­ti­ken soll die jun­gen Fach­leu­te wapp­nen für Kli­ma­kri­se, En­er­gie­wen­de, so­zia­le Ver­ant­wor­tung und an­de­re Her­aus­for­de­run­gen, die be­son­ders auch den Bau­sek­tor be­tref­fen. 

An­ge­fan­gen hat die Werk­haus-Walz 2024 mit ei­nem Pi­lot­pro­jekt qua­si am le­ben­den Ob­jekt. Ge­mein­sam mit ei­nem In­ge­nieur ha­ben Hand­wer­ker:in­nen und Stu­die­ren­de der HTWG ei­ne Rie­gel­wand im Werk­haus ge­si­chert. Mitt­ler­wei­le wird im Rah­men der Walz 4.0 auch ein Ate­lier­sti­pen­di­um an­ge­bo­ten. Wich­tig ist, dass sich die Aka­de­mi­ker:in­nen da­bei mit den Hand­wer­ker:in­nen zu­sam­men­tun. Ob sie dann zum Bei­spiel an der Her­stel­lung ei­nes lo­ka­len Lehm­put­zes her­um­tüf­teln oder ihr Pro­jekt eher theo­re­ti­scher Na­tur ist, bleibt ih­nen über­las­sen. Das Werk­haus will dies­be­züg­lich kei­ne Gren­zen set­zen und ist ex­pli­zit of­fen für Feld­for­schung und In­no­va­tio­nen. 

Den kul­tu­rel­len Mehr­wert pfle­gen 

Man will aber nicht erst bei den hö­he­ren Stu­fen an­set­zen, son­dern be­reits in der hand­werk­li­chen Grund­bil­dung. «Die Idee wä­re, dass al­le Ler­nen­den im Thur­gau wäh­rend ih­rer Aus­bil­dung min­des­tens ein­mal mit dem Werk­haus in Kon­takt kom­men», sagt Ma­ler­meis­ter Mar­tin Vock. «Hier kön­nen sie hoch­wer­ti­ges und ex­pe­ri­men­tel­les Hand­werk live er­le­ben.» – «Und den kul­tu­rel­len Mehr­wert der Hand­werks­kunst», er­gänzt Re­stau­ra­to­rin War­ger. Die­ser ge­he beim Bau­en näm­lich oft ver­ges­sen vor lau­ter Zeit- und Spar­druck.

Was die­sen kul­tu­rel­len Mehr­wert auch aus­macht, sieht man über­all im Werk­haus. Un­ten im Nas­s­ate­lier, wo mit Sgraf­fi­to, Lehm oder Stuck ex­pe­ri­men­tiert wird, ne­ben­an in der ehe­ma­li­gen Ka­pel­le, wo ge­schrei­nert und re­stau­riert wird, oder ganz oben im Dach­stock, der un­ter an­de­rem zur Un­ter­su­chung al­ter Ma­le­rei­en, Schich­ten­fol­gen oder der Sta­tik der Bal­ken dient. Hier soll der­einst ei­ne Woh­nung für Fe­ri­en im Bau­denk­mal ent­ste­hen, samt Fach­bi­blio­thek. 

Wie ge­nau die obe­ren Ge­schos­se dann aus­se­hen wer­den, ist of­fen. «Die Ge­schich­te des Hau­ses soll ab­les­bar blei­ben», sagt Ueli Wep­fer, aber es ge­he nicht dar­um, al­les wie­der in den Ur­sprungs­zu­stand zu ver­set­zen. «Ge­ra­de bei die­sem Ge­bäu­de, das so vie­le Über­ra­schun­gen birgt, kann man oh­ne­hin nicht al­les bis ins letz­te De­tail pla­nen. Das Kon­zept wird lau­fend dis­ku­tiert und jus­tiert.» Das passt zu den Hand­wer­ker:in­nen im Werk­haus: Auch sie bau­en auf dem His­to­ri­schen auf und lei­ten dar­aus Lö­sun­gen ab für die Zu­kunft.

Gutes Bauen Ostschweiz

Die Ar­ti­kel­se­rie «Gu­tes Bau­en Ost­schweiz» möch­te die Dis­kus­si­on um ei­ne re­gio­na­le Bau­kul­tur an­re­gen. Sie be­han­delt über­grei­fen­de The­men aus den Be­rei­chen Raum­pla­nung, Städ­te­bau, Ar­chi­tek­tur und Land­schafts­ar­chi­tek­tur. Fra­gen zum Zu­stand un­se­rer Bau­kul­tur und der Zu­kunft der Pla­nung wer­den eben­so be­spro­chen wie an­de­re, et­wa wie die Kli­ma­kri­se zu be­wäl­ti­gen ist und wel­chen Bei­trag das Bau­en da­zu leis­ten kann, oder wie die Ver­dich­tung his­to­risch wert­vol­ler Dör­fer und Stadt­tei­le ge­lin­gen kann. 

Die Se­rie wur­de lan­ciert und wird be­treut durch das Ar­chi­tek­tur Fo­rum Ost­schweiz (AFO). Das AFO ver­steht al­le For­men an­ge­wand­ter Ge­stal­tung un­se­rer Um­welt als wich­ti­ge Be­stand­tei­le un­se­rer Kul­tur und möch­te die­se ei­ner brei­ten Öf­fent­lich­keit nä­her­brin­gen.

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