Ein Neustart mit Fragezeichen 

Das Appenzeller Volkskunde-Museum öffnet diesen Sonntag erstmals wieder, fast auf den Tag genau ein Jahr nach der Schliessung. Die finanziellen Sorgen sind jedoch nicht gelöst – und die Zukunft des Museums weiterhin offen. 

Das Appenzeller Volkskunde-Museum in Stein ist bis auf weiteres jeweils am Donnerstagnachmittag sowie an einem Sonntag im Monat geöffnet. (Bild: Louis Vaucher) 

Im Ap­pen­zel­ler Volks­kun­de-Mu­se­um in Stein AR kehrt wie­der Le­ben ein. Nach­dem es An­fang April 2024 auf­grund fi­nan­zi­el­ler Pro­ble­me ge­schlos­sen wer­den muss­te, nimmt es die­sen Sonn­tag den Be­trieb wie­der auf, al­ler­dings nur re­du­ziert. Bis auf wei­te­res wird es je­weils am Don­ners­tag­nach­mit­tag so­wie an ei­nem «spe­zi­el­len» Sonn­tag pro Mo­nat ge­öff­net sein (Os­tern, 20. April; In­ter­na­tio­na­ler Mu­se­ums­tag,18. Mai; Pfings­ten, 8. Ju­ni; Rei­se­ziel Mu­se­um: 6. Ju­li, 3. Au­gust und 7. Sep­tem­ber). 

Es ist ein lang­sa­mer Neu­be­ginn. Per­so­nal ist prak­tisch kei­nes da. Nach­dem im ver­gan­ge­nen Jahr we­gen der Schlies­sung 21 Kün­di­gun­gen aus­ge­spro­chen wur­den, ar­bei­ten jetzt Mu­se­ums­lei­te­rin und Ku­ra­to­rin Ca­ro­li­ne Rai­ther so­wie ei­ne wei­te­re Mit­ar­bei­te­rin im Be­su­cher­ser­vice und der Ad­mi­nis­tra­ti­on. Sie über­neh­men auch Auf­ga­ben wie das Mar­ke­ting. Da­zu ste­hen ei­ni­ge wei­te­re Per­so­nen auf Ab­ruf be­reit, et­wa für die Füh­run­gen. Mit­glie­der der Ge­nos­sen­schafts­ver­wal­tung un­ter­stüt­zen das Team. «Der re­du­zier­te Per­so­nal­be­stand ist kei­ne lang­fris­ti­ge Lö­sung», sagt Rai­ther. Sie spricht von ei­nem «Kom­pro­miss», da­mit das Mu­se­um un­ter per­so­nal­ver­träg­li­chen Be­din­gun­gen we­nigs­tens tem­po­rär wie­der ge­öff­net wer­den kön­ne. Auch ein «rich­ti­ges» Kas­sen­sys­tem gibt es nicht, der Ein­tritt wird in bar oder über Twint be­zahlt. 

Den­noch wird das Mu­se­um vor­erst kei­ne neu­en Per­so­nen ein­stel­len. Das hat zum ei­nen da­mit zu tun, dass die fi­nan­zi­el­len Schwie­rig­kei­ten nicht über­stan­den sind. Und zum an­de­ren mit der Tat­sa­che, dass die Zu­kunft des Mu­se­ums nach wie vor un­ge­wiss ist. 

Um­zug in ein neu­es Ge­bäu­de ge­plant  

Das grund­le­gen­de Pro­blem be­steht näm­lich wei­ter­hin: Das Mu­se­ums­ge­bäu­de ge­hört der Ge­nos­sen­schaft Ap­pen­zel­ler Volks­kun­de-Mu­se­um, die das Mu­se­um führt. Die jähr­li­chen Ab­schrei­bun­gen auf die Lie­gen­schaft so­wie die Un­ter­halts­kos­ten sind ei­ne ho­he fi­nan­zi­el­le Be­las­tung. Zu­sam­men mit dem in den ver­gan­ge­nen Jah­ren stark ge­stie­ge­nen Per­so­nal­auf­wand führ­ten sie bei­na­he zum Kol­laps. 

In den ver­gan­ge­nen zwölf Mo­na­ten sei es nur dar­um ge­gan­gen, die­sen zu ver­hin­dern, sagt Max Na­dig. «Wir muss­ten über­le­ben.» Er über­nahm die Ge­schäfts­füh­rung in­te­rims­wei­se im ver­gan­ge­nen Som­mer, nach­dem der da­ma­li­ge Ver­wal­tungs­prä­si­dent Charles Leh­mann über­ra­schend ver­stor­ben war. An der Ge­ne­ral­ver­samm­lung von Mit­te Sep­tem­ber wur­de Na­dig schliess­lich zum neu­en Prä­si­den­ten ge­wählt. Für ihn ist es ei­ne Rück­kehr an al­te Stät­te: Der 71-Jäh­ri­ge war be­reits von der Er­öff­nung des Mu­se­ums 1987 bis 1994 als des­sen Ge­schäfts­füh­rer tä­tig, par­al­lel da­zu als Di­rek­tor des Aus­ser­rho­der Tou­ris­mus­ver­bands. 

«Wir mussten überleben.»

Max Nadig, Präsident der Genossenschaft Appenzeller Volkskunde-Museum

Als er Mit­te 2024 sein Amt an­ge­tre­ten ha­be, sei «kein Stutz» da ge­we­sen, sagt Na­dig. Das kurz­fris­ti­ge fi­nan­zi­el­le Über­le­ben des Ap­pen­zel­ler Volks­kun­de-Mu­se­ums si­cher­ten schliess­lich drei Aus­ser­rho­der Stif­tun­gen mit zins­lo­sen Dar­le­hen von je­weils 50'000 Fran­ken. Da­mit es je­doch lang­fris­tig über­le­ben kann, soll das Mu­se­ums­ge­bäu­de an die Ap­pen­zel­ler Schau­kä­se­rei ver­kauft wer­den, die sich gleich ne­ben­an be­fin­det und eben­falls Hand­lungs­be­darf hat. Sie muss ih­re Pro­duk­ti­ons­an­la­gen in den kom­men­den Jah­ren er­set­zen. Die Zeit drängt: Der Ver­kauf der Lie­gen­schaft soll bis Mit­te Jahr über die Büh­ne ge­hen. Ei­ner­seits, da­mit das Mu­se­um, das fort­an im Ge­bäu­de ein­ge­mie­tet wä­re, fi­nan­zi­ell ent­las­tet wä­re, und an­de­rer­seits, da­mit die Ver­ant­wort­li­chen die Zu­kunft des Mu­se­ums wei­ter pla­nen kön­nen. 

Die­se liegt nicht mehr im heu­ti­gen Mu­se­ums­ge­bäu­de. Das Volks­kun­de-Mu­se­um und die Schau­kä­se­rei trei­ben ge­mein­sam mit der Ge­mein­de Stein und dem Kan­ton die Ent­wick­lung des gan­zen Are­als, auf dem sich die Lie­gen­schaf­ten und der Park­platz be­fin­den, vor­an. Die­se Are­al­ent­wick­lung sieht nebst ei­nem Ho­tel auch ei­nen Neu­bau vor, in den das Volks­kun­de-Mu­se­um der­einst um­zie­hen soll. Bis da­hin ist es al­ler­dings noch ein lan­ger Weg: Bau­recht­li­che Schrit­te wie die Orts­pla­nungs­re­vi­si­on und das Er­stel­len ei­nes Son­der­nut­zungs­plans für das Are­al ste­hen noch aus, aus­ser­dem braucht es ei­nen Ar­chi­tek­tur­wett­be­werb, das Bau­be­wil­li­gungs­ver­fah­ren etc. Der Zeit­ho­ri­zont für den Um­zug be­trägt ge­mäss Max Na­dig et­wa fünf Jah­re. Die Are­al­ent­wick­lung sei aber ei­ne «rie­si­ge Chan­ce für al­le» – Mu­se­um, Schau­kä­se­rei und Ge­mein­de. 

Drei­glei­si­ge Pla­nung 

Doch was heisst das al­les fürs Ap­pen­zel­ler Volks­kun­de-Mu­se­um? Als es vor ei­nem Jahr ge­schlos­sen wur­de, kün­dig­te die Ver­wal­tung an, Ca­ro­li­ne Rai­ther wer­de bis zur Wie­der­eröff­nung ge­mein­sam mit der Ver­wal­tung ein neu­es Kon­zept er­ar­bei­ten. Die­ses ist je­doch noch nicht ab­ge­schlos­sen: «Die in­halt­li­che Kon­zep­ti­on muss im Ein­klang mit der räum­li­chen Si­tua­ti­on ent­wi­ckelt wer­den», sagt Rai­ther. Es hand­le sich um ei­nen län­ge­ren Pro­zess, an dem auch Ste­fan Son­der­eg­ger als Prä­si­dent der Stif­tung für ap­pen­zel­li­sche Volks­kun­de teil­nimmt. Ihr ge­hö­ren rund drei Vier­tel der Aus­stel­lungs­stü­cke im Mu­se­um. Und so­lan­ge die Zu­kunft des Mu­se­ums im Zu­sam­men­hang mit der Are­al­ent­wick­lung nicht ge­klärt sei, kön­ne die­ser Pro­zess auch nicht ab­ge­schlos­sen wer­den. «Wir ar­bei­ten der­zeit drei­glei­sig: Wir ha­ben ei­ne kurz-, ei­ne mit­tel- und ei­ne lang­fris­ti­ge Pla­nung.» 

Für kon­kre­te Aus­sa­gen zur Zu­kunft des Mu­se­ums sei es des­halb noch zu früh, sagt Rai­ther. Die Lei­te­rin und Ku­ra­to­rin spricht aber da­von, man müs­se «die Aus­stel­lung neu den­ken». Die­se ist seit der Er­öff­nung des Mu­se­ums vor bald 40 Jah­ren na­he­zu un­ver­än­dert. Es gel­te, sie zeit­ge­mäs­ser, dy­na­mi­scher, fri­scher ein­zu­rich­ten, ge­ra­de auch im Hin­blick auf Mehr­spra­chig­keit oder In­ter­ak­ti­vi­tät. Im Neu­bau wer­de die Flä­che der Dau­er­aus­stel­lung al­ler­dings vor­aus­sicht­lich klei­ner sein als heu­te. 

Syn­er­gien mit der Schau­kä­se­rei sol­len eben­falls zur fi­nan­zi­el­len Ent­las­tung bei­tra­gen, et­wa ein ge­mein­sa­mer Emp­fang oder das Tei­len der Kos­ten für Haus­war­tung etc. Rai­ther spricht von ei­ner «Win-win-Si­tua­ti­on». Es sei aber un­be­strit­ten, dass das Mu­se­um ei­gen­stän­dig blei­ben wer­de. 

För­der­bei­trag auf dem Prüf­stand 

Dass das gröss­te Aus­ser­rho­der Mu­se­um den Pu­bli­kums­be­trieb nun we­nigs­tens mit ver­kürz­ten Öff­nungs­zei­ten wie­der­auf­nimmt, ist er­freu­lich, hat aber auch fi­nan­zi­el­le Kon­se­quen­zen. Im Rah­men der Leis­tungs­ver­ein­ba­rung mit dem Kan­ton für die Pe­ri­ode 2022–2025 er­hielt das Ap­pen­zel­ler Volks­kun­de-Mu­se­um jähr­lich ei­nen För­der­bei­trag von 160'000 Fran­ken. Für das Jahr 2025 ha­be der Re­gie­rungs­rat die Si­tua­ti­on un­ter Be­rück­sich­ti­gung des re­du­zier­ten Be­triebs neu be­ur­teilt – und die Leis­tungs­ver­ein­ba­rung an­ge­passt, sagt Ur­su­la Stein­hau­ser, Lei­te­rin des Am­tes für Kul­tur. De­tails da­zu wür­den nicht be­kannt­ge­ge­ben, bei ent­spre­chen­der Leist­un­ger­brin­gung wer­de der bis­he­ri­ge Bei­trag je­doch in Aus­sicht ge­stellt

Das Volks­kun­de-Mu­se­um ist zu­dem aus ei­nem an­de­ren Grund un­ter Zug­zwang: Der Kan­ton hat ge­mäss Stein­hau­ser be­reits mit dem Eva­lua­ti­ons­pro­zess der Leis­tungs­ver­ein­ba­run­gen sämt­li­cher Kul­tur­in­sti­tu­tio­nen für die Pe­ri­ode 2026–2029 be­gon­nen. En­de Jahr ent­schei­det der Re­gie­rungs­rat, wer wie viel aus dem För­der­topf von jähr­lich 1,55 Mil­lio­nen Fran­ken, wo­von ein Drit­tel für ein­ma­li­ge Pro­jek­te re­ser­viert ist, be­kommt. Will das Volks­kun­de-Mu­se­um al­so beim Auf­tei­len der üb­ri­gen Mil­li­on für die nächs­ten vier Jah­re nicht ei­nen sub­stan­zi­el­len Ein­schnitt hin­neh­men, muss es in­nert nütz­li­cher Frist dar­le­gen, ob und in wel­chem Um­fang es die Kri­te­ri­en für ei­ne Leis­tungs­ver­ein­ba­rung ge­mäss gül­ti­gem Kul­tur­kon­zept er­füllt.


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