Ein halbes Kunst-Jahrhundert
Arbeiten von 300 Künstlerinnen und Künstlern hat die nicht kommerzielle Galerie vor der Klostermauer seit 1967 ausgestellt. Rund 200 von ihnen wurden angeschrieben, 92 nehmen jetzt mit je einer Arbeit an der retrospektiven Ausstellung «In neuem Licht» teil: alle mit einem bildnerischen Werk (Zeichnung, Aquarell, Malerei, Fotografie, Mischtechniken), das nicht grösser als A4 ist, oder mit einer Kleinskulptur.
Auslöser für die Ausstellung ist die Installation einer neuen Beleuchtung. Vereinspräsident Markus Reich erzählt im Gespräch, wie es zu ihr gekommen ist: «Wenn die Genossenschaft Migros Ostschweiz jeweils eine neue Filiale eröffnet, spendet sie einen Betrag für einen kulturellen oder sozialen Zweck. Dies war auch der Fall, als die neue Filiale in St.Gallen-Lachen ihren Betrieb aufnahm. Der Betrag ging an die Stadt St.Gallen, die ihn wiederum an die Galerie vor der Klostermauer weiterleitete. Und wir entschieden uns, ihn für eine neue Beleuchtung einzusetzen.»
Viele Karrieren begannen hier
Die Ausstellung ist aber auch ein Rückblick auf 54 Jahre Ausstellungstätigkeit. Wer die Liste der an der Ausstellung Teilnehmenden betrachtet, stösst auf zahlreiche Namen von Kunstschaffenden, die heute einen festen Platz in der Kunstszene haben.
Für fast alle gilt, dass ihre allererste Ausstellung in dieser Galerie stattfand. «Das ist durchaus unser Hauptanliegen», erklärt Markus Reich. «Wir wollen eine Plattform anbieten, sind nicht kunstmarktorientiert, und die Kommission auf Verkäufe ist im Vergleich zu kommerziell ausgerichteten Galerien bescheiden.»
An dieser Ausrichtung hat sich seit 1973 im Grunde nichts geändert. In jenem Jahr wurde ein Verein gegründet, der heute rund 80 Mitglieder zählt. Die Gründung der Galerie selber geht auf eine Initiative des längst eingegangenen Gizon-Kreises St.Gallen zurück. Sein Initiant war der Theologiestudent Hermann «Augur» Jöhr, Sohn des St.Galler Wirtschaftsprofessors Walter Adolf Jöhr.
Der Gizon-Kreis strebte «eine wesentliche Neugestaltung der Lebensverhältnisse» an, diskutierte über Philosophie und darüber, wie Natur, Umwelt und Landschaft bewahrt werden könnten. Politisch setzte sich der Kreis für Menschenrechte, gegen Atomwaffen und für eine bessere, idealere Demokratie ein.
«In neuem Licht»:
bis 18. September, Donnerstag und Freitag 18 bis 20 Uhr, Samstag 11 bis 15 Uhr, Sonntag 11 bis 13 Uhr
Als der Kreis einen Raum für eine Galerie suchte und ihn in der Zeughausgasse fand, stiess zufällig eine zweite Gruppierung dazu. Sie hatte sich um den jungen Grafiker Hansjörg Rekade gebildet, gab mit «Journal 64», später umbenannt in «Magnet», ein trendiges Lifestyle-Blatt heraus und war auf der Suche nach einem Redaktionsraum. Bis 1973 führte der Gizon-Kreis 16 Ausstellungen durch, dann übernahm der Verein. Die ganze Geschichte der Klostermauer ist nachzulesen im 2014 erschienenen, allerdings vergriffenen Buch Kunst im Kammerstil von Ralph Hug.
Kontinuität statt grosse Namen
Nach grossen Namen aus dem Kunstbetrieb hat die Galerie nie gesucht, und die meisten der Ausstellenden stammen aus der Ostschweiz. Auffallend ist die Konzentration auf eher traditionelle Kunstformen. Videokunst, grössere Installationen und andere neue Gestaltungsformen stehen bis heute kaum auf dem Programm, was zum Teil räumlich bedingt ist.
«Mit dieser Ausstellung», so Markus Reich, «spannen wir den Bogen zur Vergangenheit, sehen sie aber auch nach einer durch Corona bedingten Teilpause als einen Neustart.» Darum nimmt die kleine, aber nicht mehr aus St.Gallen wegzudenkende Kulturinstitution auch am «Neustart-Festival St.Gallen» vom 11. September teil und öffnet ihre Türen von 11 bis 01 Uhr.