Der gefrorene Buebenweier, das Hotel Hecht, das Lebensmittelgeschäft von Peter Gschwind oder Wakeboarden auf dem Bodensee: Die Bildvielfalt in der Sammlung Foto Gross ist enorm. Die aktuelle Ausstellung «St.Gallen – ein Jahrhundert in Fotografien. Die Sammlung Foto Gross» im Kulturmuseum ermöglicht dem Publikum einen einzigartigen Blick auf St.Gallen im Wandel der vergangenen Jahrzehnte.
Schnell wird klar, dass die Ausstellung nicht nur eine rein dokumentarische Zusammenstellung von Bildern ist, sondern auch eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Sie wird damit nicht nur zu einem Ort der Erinnerung, sondern auch zu einer Reflexion über das Vertraute, das einem im Laufe der Zeit fremd geworden ist.
Fast eine Sisyphusarbeit
Als Hans Gross 1921 sein Geschäft Foto Gross an der Grossackerstrasse eröffnete, ahnte wohl niemand, dass die Fotografien eines Tages im Museum landen würden. Fast ein Jahrhundert lang hielt das Fotogeschäft Ostschweiz und Region in Fotografien fest: von Porträts über Produkt- und Werbebildern bis hin zu Landschafts- und Architekturaufnahmen. Nach und nach erreichte die Sammlung einen beachtlichen Umfang, und als 2010 die Nachlassregelung des Unternehmens begann, waren die St.Galler Stadtarchive der politischen Gemeinde sowie der Ortsbürgergemeinde sofort interessiert.
Rasch vereinbarte man einen Besichtigungstermin, und was die Delegation der Stadtarchive in den Räumlichkeiten von Foto Gross vorfand, waren «Schachteln voller Negative und Regale voller Schachteln», so Dorothee Guggenheimer an der Ausstellungsvernissage. Ein wahrer Schatz, der den Wandel der Lebenswelt in der Ostschweiz seit 1921 dokumentierte.
Dank eines Verpflichtungskredits konnte der Bestand 2011 von den Stadtarchiven erworben werden und mehr als 100'000 Objekte gingen in deren Besitz über. Hier wurden diese über mehrere Jahre hinweg gereinigt, digitalisiert, katalogisiert und schliesslich verpackt. Das Ergebnis dieser langjährigen Arbeit ist ein Buch, das von den Stadtarchiven herausgegeben wurde, sowie die Ausstellung im Kulturmuseum.
Sowohl für das Buch als auch für die Ausstellung mussten Bilder ausgewählt werden – eine sprichwörtliche Qual der Wahl. Doch eine klare thematische Eingrenzung half, den Fokus zu schärfen: Es sollte sich vor allem um Aufnahmen handeln, die den Wandel der Ostschweizer Lebenswelt sichtbar machten.
Erinnern in Schwarzweiss und Farbe
Die Ausstellung ist in die sechs Themenbereiche Arbeit, Freizeit, Architektur, Tradition, Mobilität und Konsum gegliedert. Und obschon zahlreiche Fotografien und Objekte ausgestellt sind, wirkt der Raum ruhig und fast schon leer. Es dominieren die Farben weiss, beige und grau, alles wirkt sehr harmonisch und strukturiert. An den Wänden sind die Fotografien sorgfältig arrangiert, jede einzelne fein säuberlich beschriftet. Verteilt im Raum sind kniehohe Leuchtpulte, auf denen Bilder in einer horizontalen Auslegeordnung präsentiert werden.

«Centralgarage» in St.Gallen 1955 (Bild: pd/StadtASG_PA_Foto_Gross_TA29303_5)

Säntispark 1986 (Bild: StadtASG_PA_Foto_Gross_E14136_6)
Im Bereich der Mobilität sticht eine kunstvolle Schwarzweiss-Fotografie der «Centralgarage» am Unteren Graben in St. Gallen – dort, wo seit wenigen Tagen das Parkhaus «Central» in Betrieb ist – aus dem Jahr 1955 besonders heraus. Es ist ein architektonisches Zeugnis für den modernen Bau des Architekten Ernst Brantschen, ebenso wie ein Hinweis auf die sich verändernde Mobilität in den 1950-ern. An den amerikanisch-inspirierten Zapfsäulen ist zudem der kulturelle Einfluss aus den USA zu erkennen, der etwas vom grossstädtischen Lebensgefühl ins beschauliche St.Gallen brachte.
Eine ganz andere Dynamik hat eine Farbfotografie aus dem Bereich Freizeit: Sie zeigt den Säntispark im Jahr 1986. Eingehüllt in Wasserdampf, lassen sich Badegäste erkennen, die sich im Wasser tummeln. Das Bild veranschaulicht eindrucksvoll den Wandel der Freizeitkultur, denn eine Bäderlandschaft dieser Art war damals eine Neuheit in der Ostschweiz. Gemäss Bildlegende gab es jedoch auch kritische Stimmen. Einige bezeichneten die Badewelt der Migros als «Grössenwahn» und sprachen von einer «Pseudo-Tropenwelt» und einem «Konsumtempel».
Verweilen in der Vergangenheit
Ein besonderer Ausstellungshöhepunkt sind dann die Luftbildaufnahmen im Themenfeld Architektur. Die Bilder werden im Grossformat auf eine Wand vor einer Sitzbank projiziert, wo man innehalten und die Bilder auf sich wirken lassen kann.
Genau dieses Verweilen und Nachdenken scheint ein zentrales Anliegen der Ausstellung zu sein. Denn die Bilder wecken unzählige Erinnerungen und lösen ein Gefühl der Vertrautheit aus. Man erkennt Orte, Dinge und Rituale wieder– oder staunt einfach darüber, wie es früher war.
Aber die Ausstellung tut mehr als nur Vergangenes abzubilden: Sie zeigt, was einmal war und heute nicht mehr ist, verweist auf das Abwesende und macht eindrücklich sichtbar, wie unaufhaltsam die Zeit vergeht und wie schnell sich Dinge wandeln. Allzu schnell weicht dadurch das Gefühl des Vertrauten einer Irritation, wenn man feststellt, dass das Gezeigte so nicht mehr existiert, sich verändert hat, einem vielleicht sogar gänzlich fremd geworden ist.
Gerade das Aufzeigen dieser Gleichzeitigkeit von Vertrautem und Fremden macht die Ausstellung besonders anregend. Und so ist sie auch mehr als eine Sammlung von historischen Aufnahmen: Sie verbindet Nostalgie mit Reflexion, Geschichte mit Gegenwart und persönliche Erinnerungen mit kollektiver Identität.
«St. Gallen – ein Jahrhundert in Fotografien. Die Sammlung Foto Gross»: Ausstellung, bis 10. August, Kulturmuseum St.Gallen