Böse, gut

Psychothriller, Horrorstreifen, Dschungel-Doku. Und hinter jedem Busch könnte der Bengal-Tiger lauern. Besser kann das Samstagabendprogramm nicht sein, durch das Demdike Stare gestern im Palace musikalisch führten.
Von  Marco Kamber

Draussen macht sich der meteorologische Weltuntergang breit, was aber gut ist, denn Kirschblüten würden nicht zum Manchester-Duo passen. Zu düster künden ihre vielumschwärmten Alben ihren Auftritt in St.Gallen an. Man wusste: Es wird kalt. Man muss das Herz zu Hause lassen und die warme Jacke anziehen.

Doch dann, erst einmal drin im eher halb gefüllten Palace, kann man sie doch ausziehen. Die krächzend-wummernde Mischung aus Industrial, Jungle, Whatever-Step, Dub-Techno – man kann die grossartige Musik der beiden wirklich nicht genau benennen – kommt wärmer daher als ab Platte. Ein Twist, der Sinn macht: Wäre es doch zu langweilig, würden sie ihre Tracks so bringen, wie einst im Studio aufgenommen. Sean Canty (Betreiber des Labels Finders Keepers) und Miles Whittaker geht es um Aufschichtungen, Prozesse, um das Ereignis. Und für ein solches ist das Setting im Studio nunmal ein anderes als jenes auf der Bühne.

So kommt es, dass sich die ersten 15 Minuten wie ein Intro anhören. Man steht da und lauscht, die Augen geschlossen oder auf die leider eher lausigen Visuals gerichtet. Im Knistern ist kein Rhythmus zu erkennen – alle Beine vor der Bühne wie angewurzelt. Langsam setzen die Tiefen ein, die unzähligen, fein abgestuften Bass-Schichten lassen auf Steigerung hoffen. «Das Böse kommt aus dem Hinterhalt» flüstert mir die Kollegin ins Ohr, wie man jemandem bei einem nächtlichen Waldspaziergang ins Ohr flüstert, wenn man ihm Angst einjagen will.

Demdike Stare taten sich einst mit der Absicht zusammen, Soundtracks für Horrorfilme zu produzieren. Daraus wurde dann zum Glück mehr. Der faszinierende, Unbehagen weckende und feinmaschige Teppich in ihrer Musik wird im Palace mit der Zeit mit immer tanzbareren Elementen belegt. Kreissägen, Kirchenglocken, Psycho-Sprachfetzen und andere Geräusche sind zwar immer noch da, doch der Takt wird zunehmend clubbiger und klobiger, der Soundtrack wendet sich vom grusligen Film ab und widmet sich einer Club-Szene.

Was einige nicht so gut finden. Denn ja, es ist zwar Samstagnacht, doch das Publikum im Palace stand hier auch schon zu Raime  versteinert-konzentriert vor der Bühne, und auch Norbert Möslang lebt nicht weit weg. Experimente und Verstörungen bis in die tiefsten Schichten wären also nicht unerwünscht.

Andere freuen sich aber. Zum Beispiel jene, die spontan und später kommen und vielleicht nur noch den halben Eintritt zahlen müssen. Diese erleben verkappte, «andere» Musik zum Tanzen: ein Zug sympathischer Offenheit und typisch britischer Techno-Kultur von Demdike Stare.

Dies weckt dann auch gleich wohlige Erinnerungen an ihren Freund und Labelkollegen Andy Stott, der damals auf der gleichen Bühne gegen Schluss musikalisch durchdrehte und sich selber übertraf, indem er unerwartet begann, als Zugabe Jungle- bis Drum’n’Bass-Purzuelbäume zu schlagen, dass sich die Tanzenden vor lauter Takt-Konflikten schwindlig taten.

So wild wie damals bei Stott wird es bei Demdike Stare dann aber doch nicht. Zu sehr war man auf Dunkelheit und in-sich-gekehrtes Konzerterleben programmiert. Aber ja, manchmal kommt eben auch das Gute aus dem Hinterhalt.