«Bestens. Schiele»
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«Heute bin ich der ganz Andere. Bestens. Egon Schiele.» Das ist der Tonfall in den Briefen des vor hundert Jahren gestorbenen Wiener Malers. «Bestens. Schiele»: Wie ein Leitmotiv klingt die Grussformel durch das Musiktheater Die Traumbeschauten des St.Galler Chors Inscriptum. Und «bestens» ist denn auch die künstlerische Leistung aller Beteiligten – wobei allerdings das Leben und der frühe Tod des Künstlers mehr Schatten als Licht in die Offene Kirche werfen. Premiere war letzten Freitag, gespielt wird noch dreimal diese Woche.
Ein kleinbürgerliches Interieur, auf einer Staffelei ein halbfertiges Porträt, in der gegenüberliegenden Ecke Schreibmaschine und Bett, ein Überseekoffer und weiteres Mobiliar versetzen das Publikum atmosphärisch in die Zeit vor hundert Jahren. 1918, die Spanische Grippe wütet, mit Mundschutz und Desinfektionspumpe treten die Männer des Chors auf, mit Schirm die Frauen. Der Epidemie ist auch Egon Schiele, gerade einmal 28jährig, zum Opfer gefallen, am 31. Oktober 1918, drei Tage nach seiner schwangeren Frau Edith Harms.
Die Frauen und der Künstlermann
Der Stücktext der jungen Ausserrhoder Autorin Laura Vogt macht Edith wieder lebendig und konfrontiert sie mit ihrer Konkurrentin, Schieles Modell und Geliebte Wally Neuzil. Zwei Frauen, die ihr Leben dem Mann unterordnen, die sich «mit ihrer ganzen Person auf ihn zu bewegen» und zugleich versuchen, sich «freizumachen aus den auferlegten Geschichten»: Das ist der dramatische Kern des Stücks, exemplarisch für unzählige Frauen an der Seite dominanter Künstlermänner – man kann das unter anderem in Klaus Theweleits grossartiger Recherche Orpheus und Euridike nachlesen.
Die Traumbeschauten: Weitere Vorstellungen am 16., 18. und 19. Januar, 19.30 Uhr, Offene Kirche St.Gallen
Lisa Wittemer spielt Wally, Mareike Tiede spielt Edith, und beide schlüpfen im Wechsel auch in die Rolle von Schiele. Sie streiten um den Mann, finden und entzweien sich, bekriegen und umarmen sich und suchen ihre je eigene Wahrheit. In heftigen Spielszenen wird die konfliktreiche Beziehungsgeschichte (eine «ménage à trois» lehnten beide Frauen ab) noch einmal lebendig. In der kreisenden Bewegung, im Hin und Her der beiden Frauen bekommt Schiele Kontur und bleibt zugleich der nicht zu fassende, immer wieder «ganz Andere».
Zusätzliche Charakterzüge erfährt man aus collagenartig eingefügten zeitgenössischen Zeugnissen, besonders aus den Erinnerungen des Schiele-Förderers Arthur Roessler («wildzausiges Haar, querfaltig gefurchte kantige Stirn», so beschreibt er Schiele einmal). Und der raffinierte Schachzug der Inszenierung von Andreas Wiedermann: Sie verzichtet auf jegliche Projektionen. Mehr als Ersatz dafür sind die Bildbeschreibungen: Schieles Bilder, darunter nicht weniger als 170 Selbstporträts, inspirieren Laura Vogt zu so präzisen wie poetischen Nacherzählungen. Ihr Sprecher im Stück ist Walter Raschle, der sich als moderner Blogger auf Schieles Spur macht.
Anspruchsvolle Chor-«Farben»
Rundherum und mittendrin: der Chor. Er ist ständig Teil des Geschehens, in wechselnden Formationen, mal im Kaffeehaus mit kurzen gesprochenen Einwürfen zur «versexten» Kunst Schieles, mal neugierig von der Empore herab oder mitleidig um die tote Edith und ihr Kind geschart. Die farbigen Tableaus, einzig in der Todesszene allzu dick aufgetragen, bilden einen Echoraum für das Beziehungsdrama. Und die Musik, auch wenn sie insgesamt hinter das Schauspiel zurücktreten muss, weitet die private Thematik ins Überpersönliche.
Die Spannweite der Gefühle widerspiegelt sich in der Auswahl der Stücke. Volkstümliche, munter und auswendig gesungene Idyllik von Johann Strauss und Karl Hodina oder der Schlager Irgendwo auf der Welt der Comedian Harmonists kontrastieren hart mit modernen Clusterkompositionen. Schönbergs zwölftönige Komposition Farben oder Messiaens Prélude, jeweils für Chor arrangiert, singt der Inscriptum-Chor mit bemerkenswerter Präzision. Die Liebes-Todes-Thematik des Stücks ergänzt John Dowlands Come again aus dem 17. Jahrhundert.
Dirigent Kristjan Döhring leitet und begleitet am Flügel diskret, der Chor agiert bemerkenswert frei und selbstverantwortlich, Spiel und Gesang gehen nahtlos ineinander über. Grosser Applaus für die junge Autorin und das ganze Ensemble, das sich mit Leib und Seele der Auseinandersetzung mit Egon Schiele verschrieben hat.