Besseri Stahlberger

Seit Mitte der Nullerjahre sind Stahlberger Marcel Gschwend, Christian Kesseli, Manuel Stahlberger, Dominik Kesseli und Michael Gallusser. (Bild: Claudia Gschwend) 

Auf ihrem neuen Album Immer dur Nächt zeigen sich Stahlberger krautrockig. Und sie geben Halt in einer Welt, in der man sich an immer weniger festhalten kann.

Wenn die Welt aus den Fu­gen ge­rät, braucht man ei­nen Zu­fluchts­ort. Auch wenn das be­deu­tet, sich ge­le­gent­lich in sich selbst zu ver­krie­chen und nur so viel von aus­sen rein­zu­las­sen, dass man Halt oder Trost fin­det. Zum Bei­spiel Mu­sik. Es­ka­pis­mus mit Sound­track.

Ja, die Welt ist aus den Fu­gen ge­ra­ten, da kommt das neue Al­bum von Stahl­ber­ger wie ge­ru­fen. Nicht et­wa, weil es den glo­ba­len Wahn­sinn zer­pflückt oder ein­ord­net. Auch nicht, weil es da­von ab­lenkt. Son­dern weil es in all den Ge­schich­ten, die dar­auf ent­hal­ten sind, die Welt schrump­fen lässt und auf ei­ne Ebe­ne her­un­ter­bricht, auf der man sie ei­ni­ger­mas­sen fas­sen kann.

Kaum je­mand in der Schwei­zer Pop-Sze­ne ver­steht es, all­täg­li­che Si­tua­tio­nen auf so la­ko­nisch-prä­zi­se Art zu be­schrei­ben wie Ma­nu­el Stahl­ber­ger. Auf Im­mer dur Nächt greift der St.Gal­ler Lie­der­ma­cher nicht nur The­men wie Ver­gäng­lich­keit oder «das Le­ben am Rand», wie er selbst sagt, auf, son­dern auch ak­tu­el­le ge­sell­schaft­li­che Ent­wick­lun­gen. So be­ginnt das Al­bum mit ei­nem Song, der der zu­neh­men­den Ab­schot­tung ä Bes­se­ri Stadt ent­ge­gen­setzt, ei­ne Stadt «mit off­ne­re Fens­ter, mit schö­ne­re Hü­ser für off­ne­ri Men­sche, mit wii­te­re Plätz wo sich al­li ver­mi­sched, mit freie­re Clüb und Sze­ne und Ni­sche».

Der in­stru­men­ta­le Sog, den Bes­se­ri Stadt ent­wi­ckelt, setzt sich in Po­ker­face fort, ei­nem Stück, das prak­tisch nur aus Bass und Per­kus­si­on be­steht. So ge­trie­ben die Mu­sik ist, so un­be­hag­lich ist das Ge­fühl, das im Text mit­schwingt, der vom Po­ker­face als Mit­tel ge­gen un­ab­läs­sig boh­ren­de frem­de Bli­cke er­zählt. Das un­ver­hüll­te Ge­sicht als Pan­zer.

Die lo­gi­sche Fort­set­zung

Mu­si­ka­lisch knüp­fen Stahl­ber­ger da an, wo sie vor drei Jah­ren mit Lüt uf Fo­te­ne auf­ge­hört ha­ben. Im­mer dur Nächt klingt wie die lo­gi­sche Fort­set­zung. Doch was ist bei die­ser Band, die sich über all die Jah­re so or­ga­nisch und doch kon­se­quent wei­ter­ent­wi­ckelt hat, so un­vor­her­seh­bar ge­wor­den ist, schon lo­gisch? 16 Jah­re und fünf Al­ben nach dem De­büt Rä­ge­bo­ge­sied­lig hat das Quin­tett ein Selbst­ver­ständ­nis ent­wi­ckelt, das man in je­dem Song spürt. Mu­si­ka­lisch sei in die­ser Zeit «wahn­sin­nig viel ge­gan­gen», sagt Ma­nu­el Stahl­ber­ger. Des­halb kön­ne er sich in­zwi­schen text­lich stär­ker zu­rück­neh­men. «Bei mei­nen So­lo­sa­chen brau­che ich mehr Wor­te. Bei der Band hin­ge­gen über­nimmt die Mu­sik viel.» Man kann auch sa­gen: Sie spricht für sich.

Hat­ten die Songs auf dem Vor­gän­ger et­was Post-Ro­cki­ges, schwingt auf Im­mer dur Nächt Kraut­rock mit. Songs wie Fluss, Bö­si Wo­nig, Ori­gi­nal oder eben Po­ker­face sind ge­prägt von re­pe­ti­ti­ven Mus­tern und wer­den von Bass und Schlag­zeug ge­tra­gen, wäh­rend Gi­tar­ren und Syn­ths in den Hin­ter­grund rü­cken. Durch­bro­chen wer­den die­se Mus­ter durch klas­si­sche­re Stü­cke wie das me­lan­cho­li­sche Ewi­ge Sum­mer (die Or­gel im zwei­ten Re­frain!) oder Selt­sam still mit den flir­ren­den Gi­tar­ren, auch durch das be­klem­men­de Fluss, das sich nie ganz der Mo­no­to­nie hin­ge­ben will. Man hört Im­mer dur Nächt an, dass vie­les durch stun­den­lan­ge Im­pro­vi­sa­tio­nen ent­stan­den ist.

Die­ses re­du­ziert-Re­pe­ti­ti­ve fand sich schon auf den frü­he­ren Stahl­ber­ger-Al­ben, nur nie so prä­sent. Und auch wenn Stahl­ber­ger seit je­her Pop ma­chen, brö­ckel­te die Pop-Fas­sa­de mit der Zeit mal schwä­cher, mal stär­ker. Dies­mal zeigt sich dar­un­ter ein Ge­rüst aus ex­pe­ri­men­tel­len Ar­ran­ge­ments und rhyth­mi­schen Knäu­eln, die sich im­mer wie­der lö­sen und neu ver­bin­den.

Zum Ab­schied ein Lied über den Ab­schied

Nach et­was mehr als ei­ner hal­ben Stun­de ist das Al­bum fast vor­bei, es kommt: Ver­bii. Zum Ab­schied ein Lied über den Ab­schied, mit ei­nem Text, der in sei­nem Fo­kus auf die klei­nen Kost­bar­kei­ten, die am En­de noch zäh­len, so be­rüh­rend wie schön ist:

 

Wenn ales ver­bii isch 
Aber no nöd ganz
Aber i weiss es
Bim Ver­wa­che
Stell i mir vor
Wa­ni denn wür ma­che 
Wenn ales ver­bi isch
Aber no nöd ganz

No ei­mol Sune, Rä­ge
No ei­mol ihr im Gar­te
Die Schritt uf dä Stä­ge
No ei­mol uf eu war­te
Di­ni Stimm, di­ni Hand
No ei­mol äs­se mit­enand
No ei­mol i dem Zim­mer
No ei­mol so wie im­mer

Die Idee zum Text sei ihm vor et­wa vier Jah­ren ge­kom­men, kurz nach dem Tod sei­ner Mut­ter, er­zählt Ma­nu­el Stahl­ber­ger. Er lag krank zu Hau­se, hör­te sei­ne Kin­der draus­sen und stei­ger­te sich wie in ei­nem Fie­ber­traum in die Vor­stel­lung, wie er ster­be. «Ir­gend­wann kommt der Mo­ment, in dem man sei­ne Liebs­ten zum letz­ten Mal sieht und al­les zum letz­ten Mal macht, nur weiss man es meis­tens nicht. Die­se Vor­stel­lung hat mich fer­tig ge­macht.»

Dann ist auch Ver­bii vor­bei, die Stil­le setzt ein, und der Song hallt nach, das gan­ze Al­bum hallt nach. Und gibt Halt, aus dem Klei­nen her­aus, in ei­ner Welt, in der man sich an im­mer we­ni­ger fest­hal­ten kann. Und Wenn d Welt un­der­goht, ha­ben Stahl­ber­ger schon vor Jah­ren den Sound­track da­zu ge­schrie­ben.

 

Stahl­ber­ger: Im­mer dur Nächt (Stahl­ber­ger/Ira­sci­b­le) er­scheint am 28. März auf Vi­nyl, CD und di­gi­tal.

Live: 25. und 26. April, Pa­lace St.Gal­len (Plat­ten­tau­fen); 2. Mai, Tap­Tab Schaff­hau­sen; 8. Mai, Kauf­leu­ten Zü­rich; 24. Mai, Salz­haus Win­ter­thur.

stahl­ber­ger.ch