Auf dem Kopf im Balg

Die kleine Galerie Fafou in Oberuzwil lässt die Bilder für ihre Ausstellung «Kamera» vom Publikum in den Raum tragen. Und die Vernissage findet erst am Schluss statt. Dafür lernt man, wie Fotografie funktioniert. von Michael Hug
Von  Gastbeitrag
Bilder: Michael Hug

Ganz lapidar kommt der Titel für die Ausstellung daher: «Willkommen in der Kamera». Es wird sich wohl um eine Fotoausstellung handeln, denkt sich der interessierte Kunstbeflissene. Ob sichs lohnt? Zeigen der oder die Künstler diesmal etwas anderes als das Gewöhnliche? Geht es wieder mal um eine Ego-Show vom Mount Everest? Tierportraits? Landscapes?

Sujet ist das Publikum

Um mit einer Fotoausstellung Publikum anzulocken, muss man sich etwas Spezielles einfallen lassen. So dachten sich das auch die kleine junge Galerie Fafou in Oberuzwil und die Kunstschaffenden Frau Edixa aus St.Georgen und Urs Sohmer aus Uzwil. Sie schleppten nicht Dutzende von Fotografien in die Galerie, sondern knipsen sie in der Galerie und lassen sie nach der Ausstellung wegtragen.

Die Fotografen vor den ersten Negativabzügen: Urs Sohmer und Daniela Eigenmann (Frau Edixa).

Zudem lädt die Versuchsanordnung der Ausstellung das Pulikum ein, sich mit der Funktionsweise der analogen Fotografie und ihrer Arbeitsweise zu beschäftigen. Vor der Kamera wird das Modell – die Besuchenden der Ausstellung – abgelichtet. Im Balg hinter der Linse wird in einem zweiten, vollständig abgedunkelten Raum, das Bild gemacht.

(Illustration Daniel Bosshart)

Was hier drin geschieht, wurde einst als «camera obscura» bezeichnet. Was daran obskur scheint, ist eine einfache Sache: Im Brennpunkt der Projektion (bei 890 Millimeter) wird das Bild durch optische Gesetze auf den Kopf gestellt und auf Fotopapier an der Rückwand geworfen. Das belichtete Papier wird dann von Frau Edixa und Urs Sohmer vom Künstlerkollektiv SLAK vor den Augen der Zuschauenden entwickelt, fixiert und verfestigt.

Bis 23. Februar, Sa und So 16 bis 20 Uhr, Finissage: So 23. Februar, 18 Uhr, Galerie Fafou, Oberuzwil
fafou.ch, slak.ch

Vernissage statt Finissage

Die Fotografie wird im ersten Arbeitsgang als Negativ produziert. Diese Negative in der Grösse 40 x 50 Zentimeter werden laufend in die Ausstellung gehängt. Erst im nächsten Arbeitsgang werden die Negative durch ein Abzugsverfahren zum Positiv, dann kann der Gast sein Portrait glücklich nach Hause tragen.

Das Modell erscheint verkehrt auf dem Fotopapier.

An der Finissage – eigentlich die Vernissage, da die Ausstellung erst am Schluss vollständig ist – werden alle Fotografien dem Publikum gezeigt. Und da die Galeriebetreiber schon zur Eröffnung keine Bilder in die Ausstellung schleppen mussten, müssen sie, weil das Publikum ihnen dabei die Arbeit abnimmt, auch keine Bilder aus der Ausstellung tragen. Genial, eigentlich. Dazwischen aber hat der oder die Galeriebesucherin etwas gelernt, nämlich: wie analoge Fototechnik funktioniert. Die digitale Technik werden wir sowieso nie kapieren.