Ab nach Kreuzlingen!

Fast alle Open Airs in der Region fallen in diesem Sommer aus. Fast alle? In Kreuzlingen stellt der Verein kultling am 15. August einen gratis Konzertabend unter freiem Himmel auf die Beine. Drei Bands rocken am Bodenseeufer im Seeburgpark. von Stefan Böker
Von  Gastbeitrag
Das kultling-Team braut sein Bier selbst: Xlinger Pfütze, das Bier aus Kreuzlingen. (Bilder: pd)

Die Zutaten fürs diesjährige Open Air im Seeburgpark sind einfach, aber exquisit: Auf der Seebühne stehen bekannte Musikerinnen und Musiker, verschiedene selbstgebraute Biersorten und Thurgauer Bratwürste warten darauf, probiert zu werden, während die Atmosphäre vor der grandiosen Bodensee-Kulisse das Sahnehäubchen auf dem Konzertabend unter freiem Himmel ist.

«Wir freuen uns schon wahnsinnig darauf», verrät Valentin Huber vom Verein kultling. Bis zuletzt mussten die Veranstalter bangen, ob der Event die Genehmigung bekommt – jetzt ist alles in trockenen Tüchern. «Wir haben die Erlaubnis der Stadt, die Bühne bis Mitternacht zu beschallen», sagt Huber.

Wie im Biergarten: Valentin Huber (rechts) zapft ein selbstgebrautes für Raphi Hugentobler vom kultling-Team.

Bezüglich des Publikums gibt es allerdings eine Obergrenze: Maximal 300 Personen dürfen sich auf dem Gelände befinden. Darum sperren die kultling-Helferinnen und -Helfer dieses weiträumig ab und haben ein Leitsystem erarbeitet.

Es sei ihnen sehr wichtig, die gesetzlichen Vorgaben penibel zu erfüllen, sagt Huber. Einlass ist nur nach Angabe der erforderlichen Kontaktdaten möglich. Pro Gast stehen mindestens fünf Quadratmeter Platz zur Verfügung, ausserdem gibt es Hygienestationen zum Händewaschen und Masken werden gratis abgegeben (wie natürlich auch Gehörschutzstöpsel).

Leidenschaft für Musik

Beim kultling-Team steht Leidenschaft für Musik an erster Stelle. Booker Raphi Hugentobler hat für das Ein-Tages-Festival ein rundes Programm auf die Beine gestellt. Den Anfang macht der chilenische Alt-Punk Álvaro Peña, unterstützt von seiner Kreuzlinger Band. «Sozusagen ein Ausflug in die Musikgeschichte», erklärt Hugentobler.

Der chilenische Alt-Punk Alvaro ist 77 und spielt am kultling mit seiner Kreuzlinger Band.

Paradiesvogel Peña hat schon in den 70er-Jahren mit Joe Strummer von The Clash in London Musik gemacht. Seitdem sind zahlreiche Veröffentlichungen gefolgt; in Chile geniesst der seit langen Jahren in Konstanz lebende Musiker Legendenstatus. Seine mit nasaler Stimme vorgetragenen Songs klingen eingängig und wurden vom «Sounds» Magazin als «radikal experimentelle Folkmusik» bezeichnet.

«OGMH läuten darauf den Generationenwechsel ein», kündigt Hugentobler an. Das Quartett aus Kreuzlingen und Umgebung hat punkige Wurzeln und entwickelte sich dann von den krachigen Tönen der Anfangszeit hin zu tanzbarem Indierock. Im vergangenen Jahr erschien ihr zweites Album Void. Synthesizer unterstützen den melodischen Sound, textlich verhandelt Sänger Alex Nauva darauf die Probleme der Generation Y.

OGMH haben sich mit tanzbarem Indie-Rock einen Namen gemacht.

Vollständig instrumental endet der Abend dann mit The Robots aus St.Gallen (und Umgebung). Die Band um den umtriebigen Berufsmusiker Marc Jenny schliesst den Kreis, denn sie spielt elektronische Tanzmusik, allerdings mit analogen Instrumenten – Schlagzeug, Bass, Synthesizer – und teils selbst entwickelten Effektgeräten.

Die Noten für die improvisierten Songs lassen die über Ipads verbundenen Musiker von einem Algorithmus schreiben, als Wegweiser, dem sie folgen können, aber nicht müssen – The Robots, das ist Futurismus gepaart mit traditionellem musikalischem Handwerk.

Veranstalter sind Fans

«Diese ausgefallene, unbedingt hörenswerte Band vor der grandiosen Kulisse am Seeufer erleben zu können, ist einmalig», freut sich Booker Hugentobler bei einem Rundgang vor der Tribüne. Ihn entschädige das für die Absage des eigentlichen, drei Tage dauernden Festivals nach Ausbruch der Corona-Pandemie.

«Wir mussten die bereits gebuchten, internationalen Acts, die ich gerne gesehen hätte, die Verträge zurücksenden», erklärt er. «Jetzt haben wir dafür auf Bands aus der Region gesetzt, und diese zeigen wieder einmal, wie viel Talent sich in unserer Region versteckt.»

Better be early!

Der musikalische Teil des kultling-Festivals am 15. August in Kreuzlingen beginnt um 20 Uhr. Der Einlass ist gratis.

Da es eine Zugangsbeschränkung auf 300 Personen gibt, empfiehlt es sich, früh zu kommen. Bis 18 Uhr kann man sich frei im Seeburgpark bewegen, danach werden allerdings die 1500 Quadratmeter eingezäunt und der Einlass beginnt.

Das Mitbringen von alkoholischen Getränken sowie Glasflaschen und Dosen ist nicht erlaubt.

kultling.ch

Vom Wunsch, das Festival doch irgendwie durchzuführen, liess sich das kultling-Team durch nichts abbringen  was auch am Feedback der Künstler lag, erzählt Valentin Huber. «Als Marc Jenny die Absage bekam, richtete er uns umgehend aus, dass er, egal wann und wo, für eine Kollektengage spielen würde. Er benötige lediglich einen 230-Volt-Anschluss.»

Dieses Engagement sei löblich und bezeichnend und habe das Team motiviert. «Wir spüren ausserdem eine Verantwortung gegenüber den Helfern, Sponsorinnen und Besuchern», ergänzt Huber. Neben der Stadt Kreuzlingen unterstützen den Verein von Beginn an auch namhafte Unternehmen wie die Kocherhans AG, die Stutz AG, die ifolor AG oder das Schlemmerzentrum mit einem jährlichen Betrag.

Zudem sei der «Wirtschaftsfaktor Kultur» nicht zu unterschätzen: «Nicht nur die Künstler bekommen ihre Gage, sondern auch die Personen, welche die Zelte aufbauen, die Bühne schreinern, das Licht und den Ton machen, Essen und Getränke liefern oder die Flyer drucken», sagt Huber. Wie gewohnt nutzt man die Infrastruktur des Seeburgtheaters, was das Ganze auch ökologisch sinnvoll macht.

Ob sich die Situation für Veranstaltungen dieser Art bis zum 15. August weiter verschärft – Kantone wie der Aargau oder Basel-Stadt haben bereits neue Regelungen eingesetzt – wird sich zeigen. Sorgen bereitet das den Organisatoren nicht: «Selbst wenn wir am Ende nur 100 Menschen, inklusive unseren Helferinnen und Künstlern, einlassen dürfen, ziehen wir den Anlass trotzdem durch», versichert Huber.