24 Songs innert fünf Tagen

Im Rahmen des Nordklang Festivals St.Gallen präsentieren am Freitagabend im Pfalzkeller skandinavische und Schweizer Musiker:innen Songs, die in dieser Woche neu entstanden sind. Die «Nordklang Sessions» sind ein Experiment – für die Künstler:innen und für das Publikum.
Von  Philip Bürkler
Die zehn Musiker:innen der «Nordklang Sessions» und Leiter Roar Amundsen (ganz links). (Bild: Sandro Büchler)

«Die Berge hier sind höher. Die Bäume hier sind höher. Viel höher als in meiner Heimat.» Gudlaug Sóley schwärmt geradezu von der pittoresken Appenzeller Landschaft. Auch das Wetter sei viel freundlicher hier. In ihrer Heimat stürmt und regnet es grad ziemlich heftig. Um ein Haar hätte sogar ihr Flug gestrichen werden müssen. Zum Glück nicht. Es ist immerhin die erste Reise in die Schweiz für die 19-jährige Elektronik-Musikerin aus Island, für die sogar Björk Feuer und Flamme ist.

Der erste Trip führt sie von Reykjavík direkt ins appenzellische Teufen zu den «Nordklang Sessions», einem musikalischen Experiment des Nordklang Festivals. Zusammen mit neun weiteren Musiker:innen lebt sie seit Ende vergangener Woche in einem Haus. Von den Nordländer:innen ist Gudlaug die einzige Vertreterin Islands, fünf andere sind entweder aus Dänemark, Norwegen oder Schweden angereist, die restlichen vier stammen aus der Schweiz.

Musik als verbindendes Element

Es ist eine Schicksalsgemeinschaft. Gekannt haben sie sich zuvor nicht, höchstens gegoogelt. Dennoch habe es von Anfang an menschlich sofort funktioniert. Obwohl alle aus unterschiedlichen Ländern kommen und eine andere Sprache sprechen, hätten sie sofort gemerkt, wie ähnlich sie sich doch seien, so Gudlaug. «Jeder hat ein anderes Leben, aber irgendwie denken wir alle gleich. Das ist spannend.»

Gudlaug Sóley (Bilder: Philipp Bürkler)

Eine tiefe Leidenschaft für Musik ist die ideale Voraussetzung, um mit unbekannten Menschen gemeinsam zu musizieren. Obwohl sich die Teilnehmer:innen im Klaren darüber waren, auf welches Experiment sie sich in Teufen einlassen würden, sei das Erstaunen am vergangenen Sonntagabend bei der Bekanntgabe der Aufgaben bei einigen dennoch gross gewesen, erklärt Roar Amundsen. Der Däne ist selbst Musiker und leitet dieses Jahr bereits zum dritten Mal die «Nordklang Sessions» des Festivals.

«Ein guter Song kann auch in zwei Stunden entstehen»

Das Wochenziel: Während fünf Tagen – bis heute Freitag – sollen nicht weniger als 24 nigelnagelneue Songs entstehen. Neu heisst tatsächlich neu, kein fauler Griff ins Repertoire und auch keine gemütliche Abkupferung eines bekannten Stücks. Alles muss neu sein. Das sei eine Herausforderung, gibt Amundsen zu: «Selbst erfahrene Musiker denken, es sei doch nicht möglich, in so wenigen Tagen so viel neue Musik zu komponieren.»

Roar Amundsen

Aber es ist möglich; ein guter Song könne eben auch in zwei Stunden entstehen, so der erfahrene Workshop-Leiter. Und der Zeitplan war während der ganzen Woche straff: Um 9 Uhr gab es jeweils Frühstück. Danach wurde in der inspirierenden Appenzeller Landschaft drei Stunden lang in Kleingruppen an Songs und Kompositionen gearbeitet. Am Nachmittag ging es in einer anderen Konstellation an die Arbeit und an den Schliff anderer Songs.

Das Erdbeben in der Türkei und Syrien verarbeitet

Roar Amundsen hat die Zweier- und Dreiergruppen nicht zufällig zusammengestellt. Akribisch hat er auf die jeweiligen Genres und Instrumente der einzelnen Künstler:innen Rücksicht genommen. «Die Auswahl ist sehr gut, nicht nur was das unterschiedliche Alter der Leute betrifft, sondern auch bezüglich der vielfältigen musikalischen Stilrichtungen», sagt Natasha Waters, eine der Künstlerinnen aus der Ostschweiz, begeistert.

Natasha Waters

Obwohl – oder gerade weil – die Arbeiten spontan und quasi aus dem Nichts entstanden sind, sind sie ausdrucksstark und nehmen nicht selten auch direkt Bezug zur Aktualität. So beispielsweise im Duett zwischen Natasha Waters und Luna Ersahin, einer Dänin mit türkischen Wurzeln. «In unserem Stück verarbeitet Luna das katastrophale Erdbeben in der Türkei und in Syrien. Wir konnten das Lied gar nicht so oft üben, weil es jedes Mal emotional ziemlich heftig war», verrät Waters.

Unverkrampftes Jammen

Kollaboratives Arbeiten in einer solch experimentellen und spontanen Form ist auch für den langjährigen Bassisten Marc Jenny eine neue Erfahrung. «Ich bin gespannt, wie sich die Woche auf meine zukünftigen Arbeiten auswirken wird», sagt er. Im Gegensatz zu früheren Jahren, als im Proberaum krampfhaft etwas habe entstehen müssen, sei das Jammen und Ausprobieren diesmal von der ersten Minute an problemlos und unverkrampft verlaufen.

Luna Ersahin und Marc Jenny

Jetzt, gegen Ende der Woche, sei es allerdings eine Herausforderung, vom kreativen Prozess des Songschreibens in den performativen Modus zu wechseln und die Arbeiten vor Publikum zu präsentieren, so der Ostschweizer.

24 gefühlvolle und eindringliche Kompositionen 

Das Ergebnis spricht für sich: In den vergangenen fünf Tagen sind 24 feinfühlige und eindringliche Songs und Kompositionen verschiedenster Stilrichtungen und in unterschiedlichsten Sprachen entstanden. In Schweizerdeutsch, Standarddeutsch, Englisch, Schwedisch, Dänisch, Rätoromanisch oder Isländisch.

Aufgeführt werden die 24 neuen Stücke in einer rund zweistündigen Show heute Abend im Pfalzkeller anlässlich der Eröffnung des Nordklang Festivals. Die Musiker:innen müssen sich die Texte und die Musik ihrer eben erst geborenen Stücke merken. Das Publikum auf der anderen Seite auf der Bühne lässt sich im Gegenzug auf ein Experiment ein, ohne – wie sonst an einem Konzert üblich – die Songs zu kennen. So sind die «Nordklang Sessions» für alle eine Herausforderung, auch für das Zuschauer:innen.

Morgen Samstag gibt es weitere Konzerte verschiedener Künstler:innen und Bands aus dem hohen Norden. Programm und Infos unter nordklang.ch.