«Ich habe immer gerne gemalt, war in der Schule aber nie wirklich gut darin», meint Aramis Navarro. Doch er malte weiter, lange nebenbei und meist als Ausgleich zu seiner Lehre als Polymechaniker und der darauffolgenden technischen Berufsmatura. «Irgendwann stellte ich fest, dass es mir nicht entspricht, das Leben auf Zahlen aufzubauen», sagt Navarro; also fasste er den Entschluss, sich zunächst für ein Jahr als Autodidakt in der Kunst zu versuchen. Mittlerweile arbeitet er seit fünf Jahren in seinem Atelier in Rapperswil.
Was ihn interessiert? Sprache und die Missverständnisse, die sie generieren kann. Für die Serie Fake News (2018) hat er einer Sprach-zu-Text-App Zeitungs-Schlagzeilen vorgelesen. Die App versuchte das Gesprochene auf Schweizerdeutsch anhand phonetischer Parallelen ins Hochdeutsche zu transkribieren. So wurde aus Sätzen wie «Zeiget Sie Zäh» (Zeigen Sie die Zähne), «Zeige sitze».
Fake News, 2018. Transferdruck auf Leinwand
Den falsch verstandenen Inhalt hat Navarro dann figurativ dargestellt. Um auch hier dem Thema der Entfremdung treu zu bleiben, hat er den lachenden Mund auf eine Glasplatte gemalt und diese per Transferdruck auf die Leinwand übertragen.
«Ich finde es charmant, dass man sich bei solchen Arbeiten etwas zusammenreimen muss», sagt Navarro und lacht. So ist neben Sprache auch Humor ein wichtiger Bestandteil seines Schaffens. «Ich möchte die Betrachterinnen und Betrachter nicht ihrer Fantasie berauben, indem ich ihnen vorgebe, was sie sehen sollen.»
«It’s Not Science Fiction» lautete der Abbinder einer Rekrutierungskampagne der Air Force aus dem Jahr 2014, bei der das Narrativ von einer computersimulierten Kriegssituation in die reale Welt überging. Die Kampagne veranlasste Claudia Bühler dazu, über die Rüstungsindustrie zu recherchieren, vor allem über diejenige, die Waffen an Länder liefert, die beim Konflikt im Yemen involviert sind.
Jungkunst 2018: noch bis 28. Oktober, Halle 53 Winterthur Infos und Programm: jungkunst.ch
In ihrer Installation, die als Titel den Abbinder der Rekrutierungskampagne trägt, sind zwei Wände mit Zeitungsartikeln und Notizen behängt, die sich in den letzten eineinhalb Jahren angesammelt haben und nun mit einer roten Schnur miteinander verbunden sind. «Als ich über die Industrie recherchierte, hatte ich das Bedürfnis, die Firmen mit eigenen Augen zu sehen, um sie für mich fassbar zu machen», sagt Bühler. Dafür reiste sie in Deutschland und der Schweiz umher und fotografierte die Gebäude.
«Meine Arbeit soll nicht nur ästhetisch sein, sondern auch die Auseinandersetzung mit dem Thema sichtbar machen», erklärt die Künstlerin. «Es ist mir wichtig, beispielsweise anhand der Artikel aufzuzeigen, wie die Fotoserie entstand, und so einen Denkprozess sichtbar zu machen, der noch nicht abgeschlossen ist.»
Neben ihrer künstlerischen Arbeit und einem abgeschlossenen Studium in Fotografie an der Ostkreuzschule in Berlin engagiert sich Claudia Bühler für die kulturelle Vielfalt ihrer Heimatstadt St.Gallen. Mitte des Jahres organisierte sie das «Ostschweizer Kunstfestival» und ist nun am Projekt «Haus Famos» beteiligt. Bei letzterem sollen in einer Liegenschaft an der Davidstrasse, die momentan zur Zwischennutzung frei steht, Atelierplätze geschaffen werden.
«Wir möchten auf das Bedürfnis nach unabhängigen und schnell verfügbaren Räumen eingehen», so Bühler. «Viele Künstlerinnen und Künstler studieren in einer anderen Stadt oder im Ausland. Solche Projekte sollen Kunstschaffende dazu bewegen, nach dem Studium nach St.Gallen zurückzukehren.»
Heckler & Koch, Oberndorf a.N., 2018, it’s not science fiction, Inkjet Print, 40x40cm
An die 150 Quadratmeter misst die imposante Wand, die Dominik Rüegg seit letztem Samstag illustriert. «Es ist das grösste Bild, das ich bis jetzt gemalt habe. Ich hatte im Vorfeld Bilder der Wand gesehen – aber zum Glück nur digital», sagt Rüegg und lacht. «Als ich dann davor stand, musste ich erstmal leer schlucken».
30 Stunden hat er schon daran gearbeitet, 15 bis 20 stehen voraussichtlich noch an. Unten rechts angefangen, arbeitet er sich nach links oben hoch und füllt die Wand mit seinen Landschaften – diesmal nicht wie üblich in schwarz-weiss, sondern in blau-grün.
Schon während seiner Lehre als Gärtner und seinem Studium in 2D-Animation an der Hochschule Luzern war ihm seine Leidenschaft für die Natur eine treue Begleiterin. «Landschaften stellen keine Geschichten dar, sondern sind die Bühne dafür», sagt Rüegg. «Die Geschichten sehen die Betrachterinnen und Betrachter darin.» So lassen seine Illustrationen vieles offen, verändern sich situationsbedingt oder durch persönliche Erlebnisse wie beispielsweise durch seine Reise nach Panama.
Neben seinem Teilzeitjob im Migros-Kulturbüro bleibt ihm genug Zeit für Auftragsarbeiten. «Normalerweise sage ich nicht, dass ich Graffitis mache», sagt Rüegg. «Vor allem nicht in St.Gallen. Dort ist der Begriff noch immer sehr negativ behaftet. Viele denken bei Graffiti und Street Art noch immer an angesprayte Züge.» Muralism träfe es wohl eher, da es bei seiner Arbeit um die Wand und das Mauerwerk gehe, die mit seinen Landschaften zur Bühne fantasievoller Geschichten werden.
Auf ihrer Zweikanal-Videoinstallation Para Paradies (2017) macht Johanna Gschwend die Doppeldeutigkeit unseres Alltags sichtbar – dem eine gewisse Absurdität innewohnt. In ihrer Arbeit zeigt sie ein allbekanntes Szenario: ein altes Haus, das abgerissen wird. Nachdem es lange fester Bestandteil des Dorfes war, soll es nun einer neuen Überbauung weichen.
«Obwohl Veränderungen etwas Positives an sich haben, kann auch etwas verloren gehen», sagt Johanna Gschwend. «Diese Doppeldeutigkeit, mit der ich in meiner Arbeit zu spielen versuche, interessiert mich.»
Gleichzeitig vermischt die in Luzern lebende Künstlerin Realität und Fiktion miteinander; so wird eine Situation nicht nur dokumentiert, sondern auch kommentiert. In Para Paradies treten rothaarige Zwillinge ins Bild, die den Abriss auf ihren Trommeln musikalisch untermalen. «Marschtrommeln haben etwas Brutales, etwas Wuchtiges an sich», beschreibt Gschwend. «Gleichzeitig sind die zwei Protagonistinnen sehr mädchenhafte und liebliche Erscheinungen.»
Diese Gegenüberstellung findet sich auch in anderen Szenen wieder: Ein Baum, der gefällt wird, aber nicht fällt, sondern durch ein elastisches Band in der Luft schwebt. Eine Hecke, die als Sichtschutz dient, doch sobald sie geschnitten wird wie eine Wand einstürzt.
Für die Installation hat Johanna Gschwend die beiden Leinwände im rechten Winkel zueinander positioniert, was die Betrachterinnen und Betrachter im Geschehenen eintauchen lässt und die Gegenüberstellung von Alltag und Absurdität, Realität und Fiktion auch räumlich hervorhebt.
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung
Gesellschaftskritik, Wirbelsäulen und Gelenke, die keine sind. Im Rahmen einer Zwischennutzung zeigen vier Kunstschaffende noch bis zum 29. August ihre Arbeiten im Kubik-Areal in St. Gallen.
Die Kultur hat keine Lobby? Am Stadtkulturgespräch vom Donnerstagabend im Talhof war sie da: Vertreter:innen von acht Berufsverbänden stellten sich vor. Brennendstes Thema waren einmal mehr die Honorare.
Im Kunst Kontor Rorschach lud der Künstler Felix Stöckle zu einem Dinner, einer Ausstellung, einem Happening – zwischen Fine Dining, Keramik, popkulturellen Referenzen und der alten Idee eines geteilten Tisches.
Nach zehn Jahren in der Schweiz wollte sich Samira Rahim mit ihrer Familie einbürgern lassen. Die zahlreichen bürokratischen Hindernisse und die hohen Kosten brachten die Familie zeitweise fast dazu, aufzugeben.
Berlingen hat eine neue Methode der Interessenabwägung entwickelt: eine Analyse des Ortsbilds als Grundlage, um die wertvolle Baukultur zu erhalten und gleichzeitig die Innenentwicklung voranzubringen. Nun steht die Verankerung in der Ortsplanung an.
SP-Mann Peter Jans tritt Ende Juni 2027 aus der St.Galler Stadtregierung zurück. In seiner Partei startet die Suche nach einer Nachfolge mit einem klaren Favoriten. Bei den Bürgerlichen sind Schmiede für eine grosse Allianz gefragt.
Im Botanischen Garten St.Gallen geht es ab nächsten Samstag wundersam zu und her: Künstler:innen aus verschiedenen Sparten laden zum szenischen Rundgang unter dem Titel In der Dämmerung wächst ein Flüstern. Ein Probenbesuch.
Der Dramatiker Andreas Sauter liest am 27. August im Literaturhaus Thurgau aus seinem unfertigen Manuskript Einbruch der Wildnis. Im Zentrum des Werks steht die Frage, was es für einen gesellschaftlichen Wandel braucht.
Die deutsche Filmemacherin Regina Schilling bringt zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann Jemand, der einmal ich war ins Kino. Der Dokumentarfilm verknüpft grossartige Archivaufnahmen mit fiktionalen Szenen aus dem letzten Lebensjahr der Dichterin zu einem zugänglichen Plot.
Die SVP macht seit Wochen Stimmung gegen die geplante neue Moschee der albanisch-islamischen Gemeinschaft El-Hidaje in St.Gallen. Anlässlich eines öffentlichen Rundgangs der SP stellten die Verantwortlichen das Projekt vor – und räumten mit vielen Vorurteilen auf.
Jim Dine gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen Künstler:innen. Seit ein paar Jahren erschafft er seine Skulpturen vornehmlich im Sittertal. In die Kunstgiesserei verliebte sich der Pop-Art-Pionier bei seinem ersten Besuch vor fast 20 Jahren.
Alles deutet drauf hin, dass die Uni St.Gallen demnächst in den bisherigen Hauptsitz der Helvetia-Versicherung, geplant vom Basler Architekturbüro Herzog und de Meuron, als zweiten grossen Standort auf dem Rosenberg einziehen kann. Zusätzlich ist ein Holzbau mit Seminarräumen in Planung.
Der FC St.Gallen zeigt sich gegen Sheriff Tiraspol von seiner besten Seite und gewinnt das Spiel nicht nur souverän, sondern auch hoch mit 5:1. Weiter geht's im Playoff gegen den FC Nordsjælland aus Dænemark.
Jubiläum
Durch bunte Galaxien bis in ein Meer aus Katzenstreu. Die Ausstellung «Hinter’m Mond» vom Künstler:innenkollektiv U5 und Monika Stalder im Stellwerk in Heerbrugg lädt zu einer intergalaktischen Reise ein.
Die Ostschweizer Band Drill bringt mit Catharsis eine neue EP raus. Die sechs Songs sind ein wilder Ritt auf schweren Gitarrenriffs, bei dem Metalcore auch mal auf Hyperpop trifft.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 7: Rathausoper Konstanz, Charles Uzors The Great Wall. A Labyrinth, Clanx-Festival und Rundgänge zu Wiboradas Schwestern.