Naziraubkunst beschäftigt die Öffentlichkeit seit Jahrzehnten. Auch St.Gallen ist davon betroffen, unter anderem mit der Sturzenegger’schen Gemäldesammlung und dem Hodler-Gemälde Stockhornkette mit Thunersee.
Neuer ist die Debatte über koloniale Raubkunst, die besonders in Frankreich und Deutschland entbrannt ist. Auch in der Schweiz beginnen die Diskussionen. Und auch in St.Gallen geraten zwei Objekte in den Fokus.
Die britische Strafexpedition von 1897
Ein Gedenkkopf für die Königinmutter Iyoba und eine Reliefplatte, die einen Kriegerfürsten mit Ritualschwert abbildet, beides aus Bronze, befinden sich seit Jahrzehnten in St.Gallen im Historischen und Völkerkundemuseum (HVMSG). Die beiden Objekte stammen aus Ubinu (Benin-Stadt) im heutigen Nigeria. Die Bronzestücke aus dem Edo-Königreich sind wohl um die 300 Jahre alt, möglicherweise älter. Sie zählen zu den «Highlights» der Dauerausstellung.
Aus Sicht der aktuellen Provenienzforschung ist davon auszugehen, dass es sich bei den St.Galler Exponaten um geraubte Objekte handelt, welche sich die Briten 1897 auf einer äusserst blutigen Strafexpedition gegen König Ovonramwen unter den Nagel rissen. Der koloniale Feldzug markierte das Ende des jahrhundertealten Benin-Königreichs.
Stadtparlamentarier Gallus Hufenus nimmt die sogenannten Benin-Bronzen zum Anlass für einen Vorstoss. Er fragt den Stadtrat, wie er sich als Mitglied des HVMSG-Stiftungsrats zu einer Rückführung der Benin-Bronzen stelle. Ebenso fragt Hufenus nach einem Konzept, wie St.Gallen grundsätzlich mit Kunstgegenständen mit kolonialem Hintergrund zu verfahren gedenke. Unter welchen Bedingungen ist eine Rückführung ins Ursprungsland möglich? Wäre auch eine Entschädigung denkbar?
Gallus Hufenus sagt auf Anfrage, er wolle nicht das Museum angreifen oder gar unterstellen, sämtliche geraubte Kunst aus der Kolonialzeit sei wissentlich unrechtmässig erworben worden. Ihm geht es vorderhand um Transparenz und den Anstoss der Debatte, die seit einiger Zeit vor allem in Frankreich und Deutschland äusserst kontrovers geführt wird und mit zwei hängigen Vorstössen der Nationalräte Cédric Wermuth und Carlo Sommaruga mittlerweile auch die Schweiz erreicht hat.
Bis heute ein Thema in Nigeria
Benin-Bronze sind wichtig für die Erinnerungskultur an die koloniale Vergangenheit Nigerias. Die FAZ hat ein umfassendes Dossier zu den Benin-Bronzen angelegt. Der historisch-ethnologische Spielfilm Invasion 1897 des nigerianischen Regisseurs Lancelot Oduwa Imasuen von 2014 – seit einiger Zeit auf Netflix verfügbar – zeigt auf, welche Bedeutung diese Benin-Bronzen für die Kolonialgeschichte Nigerias haben. In Benin-Stadt kennen selbst junge Menschen die Geschichte der Bronzen, welche die Briten vor 120 Jahren gestohlen haben. Seit seiner Unabhängigkeit 1960 hat Nigeria immer wieder die Restitution der Bronzen gefordert. Gespräche zwischen grösseren europäischen Kulturinstitutionen, darunter etwa das British Museum, haben vergangenes Jahr zwar stattgefunden. Passiert ist bisher nichts.
Ewuare II, der heutige Edo-König ohne Reich, hat bisher nicht in St.Gallen angerufen, versichert Achim Schäfer, Sammlungsleiter und stellvertretender Direktor des Historischen und Völkerkundemuseums. Man würde ihn aber gewiss in die Ostschweiz einladen. In St.Gallen befänden sich aber ohnehin nur zwei Benin-Bronzen. Mehr Stücke gibt es im Museum Rietberg der Stadt Zürich, das jüngst signalisiert hat, es sei zu Rückgabegesprächen bereit. Der weitaus grösste Teil ist im Besitz des Völkerkundemuseums Zürich, das sich zu dieser Thematik aber noch nicht geäussert hat. In der Schweiz befindet sich nur ein Bruchteil der britischen Benin-Beute. In Berlin sei ihm schlagartig die schiere Menge an Bronzen bewusst geworden, welche die Kolonialisten und Händler nach Europa gebracht haben, sagt Schäfer. «Verglichen dazu haben wir hier in St.Gallen nur Brosamen.»
Peter Müller, Provenienzforscher des St.Galler Museums, fände es nicht verkehrt, wenn die Stücke in St.Gallen blieben, gerade um die koloniale Vergangenheit anhand greifbarer Objekte und nicht nur abstrahiert mittels Fotografien beleuchten zu können. Bloss: In der Dauerausstellung wird lediglich die historisch-kulturelle Herkunft der Königinmutter und des Kriegerfürsten vermittelt. Um zu erfahren, auf welchen Wegen die Bronzen nach St.Gallen kamen, muss man entweder mit einem Smartphone den QR-Code an einer anderen Vitrine ablesen, an einer Führung teilnehmen oder beim Personal nachfragen. Direkt ist nicht ersichtlich, dass es sich bei den zwei Exponaten um Raubkunst handelt.
Sofortige Rückgabe ist kein Thema
Eine Kritik, die Achim Schäfer gelten lässt. «Es ist gut, dass diese Debatte jetzt geführt wird. Dieser wollen wir uns ganz und gar nicht verschliessen.» Auch eine Rückgabe hält er nicht für ausgeschlossen, wenngleich er es bedauern würde, die beiden «Highlights» zu verlieren. Sie sind ein gut dokumentiertes Beispiel für die Fragwürdigkeiten rund um den Erwerb oder Weiterverkauf vieler völkerkundlicher Objekte.
Vorstellbar sei etwa, dass in der Ausstellung demnächst neben dem Foto, das einen anderen Königinnenmutterkopf in seinem gebräuchlichen Kontext auf einem Ahnenaltar zeigt, auch das Bild aufgehängt wird, das britische Soldaten 1897 geschossen haben. Darauf posieren sie inmitten einer Auslage der erbeuteten Bronzestücke.
Bild: Aus dem Buch Benin – Könige und Rituale
Besonders in der deutschen Debatte um die ethnologische Sammlung, die ab diesem Jahr im neugebauten Berliner Humboldt Forum gezeigt werden soll, besteht die Maximalforderung, dass sämtliche Objekte, bei denen es sich nachweislich um koloniale Raubkunst handelt, ohne weiterführende Provenienzforschung zurückgegeben werden müssten. Darunter fielen also auch jene Objekte, welche ein Museum auf redlichem Weg erworben hat. Von dieser Haltung distanziert sich das Museum. Und Stadtparlamentarier Gallus Hufenus, der seinen Vorstoss kommende Woche einreichen wird, fordert nun erstmal eine offene Wissensvermittlung, eine proaktive Aufarbeitung, eine Strategie und eine politische Haltung. «Jetzt geht es darum, in der Öffentlichkeit Farbe zu bekennen», sagt Hufenus.
Dass das HVMSG Restitutionen nicht kategorisch ablehnt, hat es im Herbst 2017 bewiesen, als zwei schiffförmige Silberpokale auf eigene Initiative an die Erben einer jüdischen Kunstsammlerin zurückgegeben wurden. «Wir haben gewusst, dass jemand nach diesen Stücken sucht und sind dann aktiv geworden», sagt Schäfer. «Nach unseren zwei Benin-Bronzen wird derzeit nicht gesucht.» Es sei für ein mittleres Museum wie das HVMSG auch schwierig, in dieser Sache aktiv zu werden. Schäfer wünscht sich, dass die grossen europäischen Institutionen hier vorspuren würden und Konzepte für eine geregelte Rückgabe im grösseren Stil ausarbeiten würden, denen sich dann die kleineren Player anschliessen könnten.
Noch ist unklar, wie eine gross angelegte Restitution ablaufen könnte. Emmanuel Macron hat sich Anfang 2017 deutlicher als alle vorherigen Präsidenten zum Kolonialismus geäussert: «Der Kolonialismus ist Teil der französischen Geschichte. Ein Verbrechen. Ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.» Ende November 2017 kündigte er in einer Rede vor Studenten in Burkina Faso die Rückführung von geraubten Kulturgütern aus Afrika an. Geprüft werden derzeit verschiedene Optionen: Eine vollständige Rückgabe, Ausstellungen vor Ort, Austauschprogramme, Leihgaben und neue Kooperationen zwischen Frankreich und dessen ehemaligen Kolonien.
Herkunft der Bronzen bekannt – eine Chance für St.Gallen
Lange gab es Vorbehalte gegen eine Rückgabe von einst geraubten Kulturgütern aus den Kolonien. Die beiden klassischen Argumente: Es sei fraglich, ob afrikanische Institutionen eine angemessene Infrastruktur zur Bewahrung der Kulturgüter überhaupt zur Verfügung stellen können. Zudem sei die materielle Erinnerungskultur südlich der Sahara ohnehin weniger stark ausgeprägt als die immaterielle, etwa erzählte Geschichten oder Musik. Schäfer bestätigt: «Das noch in vielen Köpfen vorherrschende Bild, dass materielle Kultur eine untergeordnete Rolle in den afrikanischen Gesellschaften spiele, muss revidiert werden.»
So sieht es wohl auch Andreas Schlothauer, ein Ethnologe, Afrikakenner und Kunstsammler, derzeit in Uganda unterwegs. Er ist für seine Hartnäckigkeit berüchtigt. Viele europäische Museen reagieren nicht mehr auf seine Anfragen. Nicht so St.Gallen. Schlothauer hat die Dauerausstellung, in der die beiden Benin-Bronzen ausgestellt sind, mitkonzipiert. Und er hat 2012 die Provenienz der beiden Kunstwerke bis ins Jahr 1898 zurückverfolgt. Dass die Exponate aus dem Bestand der britischen Kriegsbeute stammen, ist praktisch unbestritten.
Für St.Gallen bietet sich hier die Chance, geschichtsbewusste Offenheit unter Beweis zu stellen und ein Zeichen zu setzen im Umgang mit kolonialer Raubkunst.
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